Ich war ein Blender in eigener Sache gewesen
Daniel Haas liefert in seinem Buch eine befreiend offene Analyse seiner Haltung zum Leben, seiner Suchtaffinität und dem damit verbundenen eigenen Scheitern.
Er hat nach einem psychischen Zusammenbruch alles verloren, ist in der Psychiatrie gelandet, nun teilt ihm seine Mutter mit, dass sie sich vom Leben verabschieden will. Sie will auf die Wolke gehen, selbstbestimmt in der Schweiz 2021, da lebt er schon 2 Jahre ohne Halt.
Der Autor beschreibt sein Leben als verwahrlost, er hat Beruf, Freunde, Partnerin verloren.
Kultiviert, das ist mir heute klar, ist in meiner Familie ein anderes Wort für einsam.
Abgeschottet sein, die Gespräche bleiben allgemein, drehen sich um Äußerlichkeiten. Der Erzähler wächst in sehr wohlhabenden Verhältnissen auf, aber Einsamkeit und Alleinsein bestimmen sein Leben. Die Eltern sind mit ihren eigenen Belangen beschäftigt
Er macht sich auf den Weg zu seiner Mutter, um sich zu verabschieden
Vielleicht können wir einmal sagen, um was es wirklich geht: dass wir einsam sind, eingesperrt in unsere Rollen als Mutter, die um jeden Preis die Contenance wahrt, und als Sohn, der Selbstzerstörung mit Revolte verwechselt.
Nach dem Tod der Mutter ist er einsam, aber vermögend, er nennt es die Einsamkeitsdividende. Doch dieser Traum platzt leider.
Es folgt ein weiterer Versuch, wieder Fuß zu fassen.
Meine Weigerung, die Wirklichkeit zu ihren, das heißt, den tatsächlichen, nicht von mir herbeigewünschten Bedingungen zu akzeptieren, war lange dieser rote Faden, und die Ablehnung der Wirklichkeit zugunsten eines Selbstbilds, das von Groll, Misstrauen und Gier durchdrungen war, erscheint mir heute als zentraler Bestandteil meiner Not.
Auch der Wunsch, in der Beziehung zu einer Frau, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden, lässt sich nicht realisieren.
In seiner abschließenden Reflexion erkennt der Autor einen möglichen Weg, den ihm sein Freund Friedrich weist. Friedrich, der in all den schwierigen Jahren an seiner Seite war, ihm seine Fehler verziehen hat. Das Zauberwort heißt Zugehörigkeit: Liebe und Freundschaft, weg aus der Selbstbezogenheit, den Blick auf andere Menschen zu richten, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen
und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.
Es ist dem Autor gelungen, seine Selbstmontage und Wiederherstellung in schonungsloser Selbstoffenbarung und Leidenschaft darzustellen, zwischendurch glänzt auch der Kulturjournalist mit seinem Wissen, mit Ironie und Witz.
Ein sehr lesenswertes Buch.