
Von der Entstehung der ersten Zahlungsmöglichkeiten in der Antike bis zum heutigen Hochfrequenzhandel und der Kryptowährung hat sich die Geschichte des Geldes stets auf internationaler Ebene abgespielt. Das Finanzwesen ist eine der am stärksten globalisierten und vernetzten menschlichen Aktivitäten sowie eine der wichtigsten sozialen Technologien, die je erfunden wurden. Mithilfe von spektakulären Karten und Grafiken bringt der »Atlas der Finanzen« Licht in die komplexe und abstrakte Welt des Geldes. Er beleuchtet die Menschen - darunter Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes -, die unser Denken über die globale Finanzwelt geprägt haben, zeigt, wie Gesetze, Vorschriften und Institutionen diese beeinflussen und wie Innovation, Globalisierung und Umweltveränderungen mit ihr zusammenhängen. Dieser einzigartige, zum Schmökern einladende Atlas wird Ihre Sicht auf Geld und die Welt verändern.
Besprechung vom 22.06.2026
Karten für eine Welt der Zahlen
Eine geographisch illustrierte Finanzgeschichte
Die Welt der Finanzen ist groß, alt, unübersichtlich und ziemlich wichtig. Nichts ganz Neues, aber jedem dieser Worte kann man sehr viel mehr nachgehen, kann sie sehr viel genauer fassen: wie groß und wie alt? Was macht sie unübersichtlich und für wen ist sie wichtig? All das möchte ein selbstbewusst "Atlas der Finanzen" betitelter Band klären, und noch vieles mehr. Ein vor Illustrationen und Grafiken nur so berstendes Buch, das auf 240 Seiten eine möglichst tiefgründige Einführung in jede Facette der Finanzwelt geben möchte.
Diesem ambitionierten Vorhaben stellt sich Dariusz Wójcik, Professor für Finanzgeographie an der Nationalen Universität Singapur, mit einer ganzen Schar von Mitautoren und den hervorragenden Illustratoren James Cheshire und Oliver Uberti. Gleich im ersten Kapitel zu "Geschichte und Geografie" treten die Stärken der Idee zutage. Der Leser lernt, eine Tontafel der Sumerer zu entziffern. Die ältesten bekannten menschlichen Schriftzeugnisse hielten nicht große Schöpfungssagen fest, verherrlichten keine Götter oder Könige, sondern berichten noch heute von Erntemengen, die, so die Interpretation der Archäologen, bei einem Tempel eingingen. Sie dienten der Buchhaltung.
Das Buch präsentiert die Geschichte des Finanzwesens als eine Zivilisationsgeschichte. Diese Perspektive schärft den Blick über große Herrscher und Schlachten hinweg für die Ergebnisse der täglichen Arbeit der Menschen und damit auf ihren Alltag wie auf die großen ökonomischen Zusammenhänge.
Zwei Seiten weiter zeigt eine Karte römischer Münzfunde deren Verbreitung weit über die größte Ausdehnung des Reiches hinaus. Sie zeigt zudem, wo am meisten Aurei, Denare und Sesterze gefunden wurden. Nicht in Italien, nicht in Nordafrika, sondern an den kriegerischen Grenzen des Reiches, entlang von Rhein und Donau, ebenso in der Levante. Dort, wo die Menschen zur Sicherheit ihr Erspartes vergruben und nicht mehr dazu kamen, es wieder auszugraben.
Die Geschichte des chinesischen Geldes wird nachgezeichnet, ebenso die der Silberminen von Potosí im heutigen Bolivien mit ihren globalen ökonomischen und monetären Folgen. Die Seiten für Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes profitieren nicht besonders von der Bebilderung, die Entwicklung der Häuserpreise in der Innenstadt von Vancouver lässt sich aber mit zwei Karten viel besser darstellen, als es Kolonnen von Zahlen jemals könnten.
In der Auswahl der Themen erinnert der Band an ein Handbuch der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Finanzwesen, nur stehen statt langer Artikel Karten und Grafiken im Mittelpunkt der Darstellung. Die Idee dafür komme aus der kartographierten Welt selbst, so Wójcik und seine Mitautoren. Finanziers und Volkswirte seien schon immer besessen von Grafiken mit Preiskurven. Viele der Auswirkungen des Finanzwesens berücksichtigten die Finanziers aber nicht. Daher müssten die Folgen visualisiert werden, "und sei es nur, weil man Probleme, die man nicht sieht, kaum je lösen wird".
Was passiert, wenn es in der Finanzwelt schiefläuft, widmet der Atlas mit "Blasen und Krisen" ein ganzes Kapitel. Auf der Überblickseite zur geographischen Verteilung der Krisen stößt die Herangehensweise der Autoren an ihre Grenzen. Für jede Finanzkrise seit dem Jahr 1600 bekommt ein Land einen Punkt aufgedrückt. Wer nicht selbst beträchtliches Vorwissen zur Geschichte von Finanzkrisen mitbringt, dem wird diese Art der Übersicht kaum etwas sagen, der Begleittext bleibt bei Gemeinplätzen. Die folgenden Seiten versuchen auf sehr limitiertem Platz der Asienkrise, der großen Finanzkrise von 2007, der Eurokrise und der Krise französischer Kommunalfinanzen gerecht zu werden. Erst bei einem digitalen Bankraub über 81 Millionen Dollar zulasten der Zentralbank Bangladeschs im Jahr 2016, illustriert mit einer Karte und einem Diagramm der Zahlungsflüsse, kommen die Stärken der grafischen Darstellung wieder zum Tragen.
Manche der Daten, das merkt man dem Band an, sind veraltet. Italien erklärte beispielsweise 2023 seinen Austritt aus dem chinesischen Infrastrukturprojekt Neue Seidenstraße, kann aber laut der entsprechenden Grafik mit Investitionen über 22,8 Milliarden Dollar aus dem Projekt rechnen. Solche der Aktualität geschuldeten Fehler sind wohl in einem solchen Buch unumgänglich, andere Datenfehler, wie die Bezifferung der Gesamtmarktkapitalisierung aller deutscher börsengehandelter Unternehmen auf 7 Billionen Dollar im Jahr 2021 eher nicht. Laut Weltbank-Daten sind es 2,5 Billionen Dollar.
Der Band ist kaum von vorn bis hinten im klassischen Sinne zu lesen, dafür ist er nicht konzipiert. Nicht jede einzelne, aber die meisten der Doppelseiten laden mit durchdachter und optisch ansprechender Aufmachung dazu ein, den Linien der Graphen, den Balken- und Tortendiagrammen zu folgen.
Der Leser muss bei ihnen verweilen, um das Dargestellte zu vergegenwärtigen, und eine Seite weiter ist er wieder in einer ganz anderen Welt. Ein Experte auf dem jeweiligen Gebiet wird nicht viel Neues lernen. Wer mit alldem noch keinen Kontakt hatte, den wird es vermutlich auch überfordern, dafür treten trotz all der Ausführungen zu viele Fachbegriffe ohne vorherige Einführung auf. Aber dazwischen gibt es ja noch einiges an potentieller Leserschaft. Sicher ist: Es ist ein breit interessiertes Publikum und eines, das die Bereitschaft mitbringt, sich in zuvor Unterbeleuchtetes zu vertiefen. JAKOB KREMBZOW
Dariusz Wójcik: Atlas der Finanzen: Die illustrierte Geschichte des Geldes. Finanzbuch Verlag, München 2025, 240 Seiten
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