Manche Bücher liest man von vorne bis hinten, andere liegen herum und werden irgendwann vergessen. Diese Anthologie gehört für mich zu einer dritten Sorte: aufschlagen, hängenbleiben, nachdenken und plötzlich zehn Minuten später immer noch über vier Zeilen grübeln.
Dietrich Bodes Auswahl führt durch mehr als zwölf Jahrhunderte deutscher Lyrik und schafft dabei erstaunlich gut den Spagat zwischen großen Namen und Gedichten, bei denen ich innerlich dachte: Wo hast du dich denn bisher versteckt? Natürlich begegnet man Goethe, Rilke und anderen alten Bekannten, aber gerade die weniger vertrauten Stimmen machen das Stöbern spannend.
Besonders schön finde ich, dass hier niemand versucht, jedes Gedicht mit Erklärungen totzureden. Lesen, wirken lassen, vielleicht noch einmal lesen. Fertig. Manche Texte treffen mitten ins Herz, andere lassen mich ziemlich kalt und bei einigen frage ich mich vermutlich noch morgen, was zur Hölle mir der Dichter eigentlich sagen wollte. Genau das gehört für mich aber zur Lyrik dazu.
Eine herrlich vielseitige Schatzkiste, die man nicht in einem Rutsch plündern muss, sondern immer wieder öffnen kann.