Mein Lese-Eindruck:
Edvard Hoem wendet sich einer Frau zu, die er im Rahmen seiner Familienbiografien fast vergessen hätte. Und was ist mit mir? fragt sie ihn im Traum. Und so setzt er sich auch auf ihre Spuren und rekonstruiert das Leben von Julie Hoem (1836 1911) aus einer Fülle von unterschiedlichsten Quellen: Zeitungen, amtliche Berichte über Volkszählungen, Schiffsregister, Kirchenbücher und anderes. Immer wieder stößt er an seine Grenzen und trifft auf Lücken, die er füllen muss. Was tun? Er weiß sich zu helfen: Wo die Zeugnisse nicht ausreichen, muss Julie hervorgedichtet werden.
Das gelingt ihm hervorragend. Er entfaltet das Leben einer Frau aus einfachsten Verhältnissen, die bereits im Alter von 13 Jahren für ihren Lebensunterhalt sorgen musste und aufgrund ihrer Geschicklichkeit, ihres Fleißes und auch ihrer Duldungskraft schließlich zu einer verantwortlichen Position gelangt: sie wird Hausmamsell in reichen Bergener Haushalten und ist damit für die gesamte Haushaltsführung leitend verantwortlich. Die Lücken der Quellenlage schließt er gut überlegt und immer stimmig, sodass ein ganzes Leben vor dem Leser entsteht.
Julies Geschichte öffnet den Blick des Lesers in eine Welt, in der von Wohlfahrt und sozialer Absicherung noch keine Rede war. Das Leben wird bestimmt durch harte Arbeit. Sehr eindrucksvoll und kenntnisreich beschreibt der Autor die mühselige Arbeit des Fischens oder des Waschens der Klippfische, mit denen die Frauen Geld verdienten, oder Julies harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage in den ersten Jahren.
Sehr deutlich wird auch Hoems Liebe zum Land und vor allem zur Stadt Bergen, der stolzen Stadt. Anschaulich beschreibt er, wie Julie den großen Brand im Jahre 1855 erlebte und wie sich das soziale Elend verschärfte, um dann den Wiederaufbau, die Stadtplanung und die unterschiedlichen Baustile zu beschreiben wobei er nicht die 12jährigen Kinder vergisst, die den Schutt wegräumen mussten.
Hoem erzählt die Geschichte Julies in einer wohltuend klaren Sprache, ohne die Vergangenheit zu idyllisieren. Mit seiner sachlichen, fast berichtenden Sprache schafft er Distanz zur Hauptfigur, und so befindet sich der Leser eher in der Rolle eines Beobachters. Dennoch gelingt es dem Autor, auch den Schmerz seiner Figur mit nur wenigen, fast kargen Worten eindringlich zu vermitteln. Dieser Spagat zwischen Emotion und Distanz gelingt Hoem souverän.
Fazit: Ein Blick in die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts