Grandioser Gesellschaftsroman, berührend, leise und ehrlich. Ein unterschätztes Meisterwerk.
Auf diesen Roman bin ich während der Recherchen zu einem Schreibprojekt gestoßen. Ich wollte mehr über die Lebensrealitäten queerer Menschen im Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts erfahren und was läge dazu näher, als einen echten "Own Voice" Roman aus dieser Zeit zu lesen?Autor ist der britische Schriftsteller E. M. Forster, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere, vor allem im englischsprachigen Raum bekannte literarische Gesellschaftsromane veröffentlichte.Bereits die Entstehungsgeschichte von "Maurice" weckte mein Interesse, noch bevor ich irgendetwas über die Handlung wusste. Forster verfasste den Roman 1913/14, veröffentlicht wurde er jedoch erst 1971, nach Forsters Tod. Der Autor hatte dies selbst verfügt, wahrscheinlich weil er die Reaktion der Öffentlichkeit fürchtete. Forster war homosexuell, machte dies jedoch, außer in seinem privaten Umfeld, nie publik. "Maurice" erzählt über einen Zeitraum von 10 Jahren die Geschichte des namensgebenden Protagonisten, eines auf den ersten Blick recht durchschnittlichen jungen Engländers der gehobenen Mittelschicht. Bereits als Schüler bemerkt Maurice, dass er anders ist, als andere Jungen seines Alters, ohne dieses "anders sein" definieren oder benennen zu können. Erst als er als Student im Cambridge den ein Jahr älteren Clive trifft, und sich beide heftig ineinander verlieben, versteht und akzeptiert Maurice, wer er ist.Während Maurice sich treu bleibt, scheitert Clive an den gesellschaftlichen Folgen seiner Neigung. Als angehöriger des Landadels erwartet seine Familie, dass er sich in der Lokalpolitik engagiert und einen Erben hervorbringt - eine Liebesbeziehung zu Maurice passt da nicht ins Bild. Nachdem Clive sich selbst überzeugt hat, Maurice nicht mehr zu lieben, trennt er sich und heiratet kurze Zeit später Ann - eine junge Frau aus gutem Haus. Maurice ist am Boden zerstört und weiß nicht, wie er weiterleben soll. Verzweifelt sucht er Rat und Hilfe bei Ärzten und sogar einem Hypnotiseur, will sich von seinem Zustand, den er mittlerweile als krankhaft empfindet befreien lassen - doch dann macht er eine Begegnung, die ihn umdenken und letztlich über sich hinauswachsen lässt.Die Geschichte ist für heutige Verhältnisse ruhig und unspektakulär erzählt. Dennoch besticht die Sprache mit einem für mein Empfinden perfekten Verhältnis von Klarheit und Emotion. Der auktoriale Erzähler zeichnet die Figuren des Romans scharf, offenbart mit wenigen präzisen Worten und trockenem Humor all deren Emotionen, menschliche Verfehlungen und Schwächen, und ist doch stets voller Mitgefühl. Die großen Gefühle passieren zwischen den Worten, in scheinbar alltäglichen Szenen und unbeholfenen Dialogen der Protagonisten, die selbst oft nicht ausdrücken können, was sie empfinden. Und ganz nebenbei taucht man tief ein, in das Dilemma in dem Maurice sich befindet. Man beginnt, zumindest einen Bruchteil davon zu verstehen, was es bedeutet haben muss, in einer Gesellschaft zu leben, in der die eigene (queere) Existenz nicht nur negiert, sondern verteufelt und sogar strafrechtlich verfolgt wird. Wie viel Einsamkeit, Selbstzweifel und Isolation es damals bedeuten konnte (und in vielen Gegenden auf dieser Welt heute noch tut), queer zu sein.Die Faszination, die "Maurice" auf mich ausübt, hat viele Ebenen. Der zeitgeschichtliche Aspekt, der Schreibstil, die Figuren und ihre Entwicklung. Es hat für mich einfach alles gepasst. Dazu kommt die Authentizität, die jedem Wort spürbar anhaftet: Der Autor hat dieses Buch primär für sich allein geschrieben und nicht mit dem Ziel, ein Publikum zu unterhalten. Und doch habe ich selten ein Buch gelesen, dem es so regelmäßig und mühelos gelingt, mich mit einem einzigen Satz emotional aus der Bahn zu werfen, ganz ohne dabei auf Schockeffekte zu setzen.Ich kann mir vorstellen, dass der Roman heute für viele zu ruhig ist, die Sprache und die Handlung aus der Zeit gefallen, zu wenig Action und zu viele innere Monologe. Aber wer sich von einem Zeitzeugen in eine Welt entführen lassen will, die wir heute gern verklären, sei das Buch wärmstens empfohlen.