Wirf einen Schatten Elena Fischer
Wann hatte es begonnen, dieses Warten, dieses Sehnen? So oft wurde er nicht, wer er hätte sein können. Er selbst.
Im Sommer 1963 wird Joseph von seiner Frau Lis und dem Kind verlassen. Sie erträgt das Leben auf dem Bauernhof nicht.
Joseph hat keine Energie mehr, er wird von innen aufgefressen. Als er am Weihnachtsabend seine Leben beenden möchte, steht plötzlich eine junge, verwahrloste Frau vor seiner Tür.
Er nimmt Birdie, so nennt sie sich, bei sich auf und erfährt Stück für Stück ihre Geschichte. Birdie und Joseph verbringen Silvester zusammen mit Josephs Schwägerin, Ada, sie fassen Vertrauen zueinander.
Joseph ist ein trauriger, einsamer Mann, er hat nicht nur den Verlust von Frau und Kind zu verarbeiten, sondern kämpft mit den Erinnerungen an seine Vergangenheit.
Diese Vergangenheit ist präsent, sie wird Stück für Stück aufgerollt.
Parallel schafft es Joseph, auch durch die Unterstützung der beiden Frauen, seine Schüchternheit und seine Ängste zu überwinden und entdeckt, was er die ganze Zeit verdrängt hat, den Wunsch nach einer großen Liebe und einem selbstbestimmten Leben.
Diese Geschichte nimmt uns mit in die Zeit der frühen 60er Jahre, die zwar von Aufbruch geprägt sind, in der aber immer noch konservative, traditionelle Werte gepflegt werden. Ehe, Familie, Beziehungen zwischen Mann und Frau sind durch diese Vorstellungen definiert. Die Frauen in diesem Roman brechen aus diesen Rollenerwartungen aus, sie zeigen Joseph, dass auch er sich befreien kann. Er wird plötzlich sichtbar, wirft einen Schatten.
Das Buch hat mich sehr berührt, Josephs Geschichte ist nahbar, fühlbar, sein trauriger Alltag, seine Einsamkeit, seine Pflichterfüllung. Parallel dazu seine Zerrissenheit. Die besonderen Frauen an seiner Seite zeigen ihm den Weg. Das ist in jeder Beziehung überzeugend.
Sprachlich hat mir das Spiel der Autorin mit den Erzählzeiten befallen. Die Vergangenheit ist für Joseph im Präsens präsent, die aktuelle Zeit wird im Präteritum erzählt.
Große Leseempfehlung.
Diogenes 2026