Worum gehts?
Es ist Weihnachten. Doch das vermeintlich besinnliche Fest endet in einer Katastrophe. Pias Vater bekommt ein Kind mit einer anderen Frau. Fast zeitgleich erfährt Pia, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist. Auf der Suche nach ihrer Herkunft geraten lange verdrängte Ereignisse ans Licht. Wahrheiten, die schwerer wiegen, als Pia es je für möglich gehalten hätte und die schrecklicher erscheinen als jeder Albtraum.
Meine Meinung:
Ellen Sandbergs Romane sind für mich stets ein Garant für Spannung und mit Rauhnächte beweist sie das einmal mehr. Ich liebe ihren Schreibstil. Die Worte brennen sich tief in die Haut. Man taucht ein in eine Welt, die während des Lesens erschreckend real wirkt. Die Bilder entstehen ganz von selbst im Kopf, und gemeinsam mit der Protagonistin hetzt man von Seite zu Seite, immer weiter, immer tiefer.
Nice to Know:
Ich gebe es offen zu: Ich musste erst nachschlagen, ob man Rauhnächte tatsächlich mit h schreibt. Zurecht, denn laut Duden ist Raunächte ohne h die heute empfohlene Schreibweise, während Rauhnächte die ältere, traditionelle Form ist, fest verwurzelt in Volksglauben und historischen Texten. Und ja mir gefällt es sehr, dass die Autorin bewusst diese ältere Schreibweise gewählt hat. Sie fühlt sich stimmiger an. Ursprünglicher.
Pia hat mir übrigens ausgesprochen gut gefallen. Ihre innere Zerrissenheit, dieses ständige Gefühl der Wurzellosigkeit, wird eindringlich beschrieben. Besonders stark fand ich, wie sie mit jeder neuen Wahrheit wächst und an Selbstsicherheit gewinnt. Das Bild der sich häutenden Schlange, das im Buch immer wieder aufgegriffen wird, passt hervorragend. Pia entwickelt sich, streift alte Hüllen ab und wächst über sich hinaus. Auch Ansgar und Sonja mochte ich sehr, und über Ayla hätte ich ehrlich gesagt gerne noch deutlich mehr erfahren.
Neben der eigentlichen Geschichte spielen die Rauhnächte selbst eine zentrale Rolle. Besonders gelungen finde ich, dass sie in die Kapitelüberschriften eingebunden wurden das ist nicht nur atmosphärisch, sondern auch inhaltlich äußerst passend. Ich kannte die Rauhnächte zuvor nur oberflächlich, und hier bringt die Autorin sie einem zumindest ein Stück näher. Doch das wirklich Geniale bleibt die Geschichte selbst. Pias Suche. Die Dinge, die sie dabei aufwühlt. Mehr möchte ich kaum sagen, ohne zu spoilern. Nur so viel: Dieses Buch hat mich vollkommen gefesselt. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Es war erwartet unerwartet, voller Gänsehautmomente. Dieses Buch nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise, auf der die Geister der Vergangenheit, passend zu den Rauhnächten, wirklich aufgescheucht werden. Es ist die Wilde Jagd, von der die Rauhnächte erzählen. Und ich hätte noch lange weiterlesen können so sehr war ich gefangen von Pia, ihrer Geschichte und ihrer Vergangenheit. Das letzte Sonja-Kapitel war zudem wunderschön emotional. Ein Moment, bei dem man unweigerlich denkt: Wenn Pia das wüsste und gleichzeitig froh ist, dass sie es nicht weiß. Denn was wäre, wenn?
Fazit:
Mit Rauhnächte gelingt Ellen Sandberg ein eindringlicher, spannungsgeladener Roman über Herkunft, Identität und die Macht der Vergangenheit. Atmosphärisch dicht, emotional feinfühlig und erzählerisch fesselnd zieht das Buch einen unaufhaltsam in seinen Bann. Wer psychologische Spannung mit Tiefe liebt und Geschichten schätzt, die lange nachwirken, ist hier genau richtig.
5 eiskalte Sterne von mir!