Die große Stärke dieses relativ schmalen Bandes Gegenwartsliteratur ist seine Auseinandersetzung mit Perspektive und Miss_Kommunikation. Wir lesen zwar in der dritten Person über unsere Charaktere, werden aber trotzdem sehr in die Gedankengänge der jeweiligen Perspektive mitgenommen und bekommen keinen neutralen Überblick oder Einordnung geliefert. Zum Teil wechselt die Innenperspektive auch kurzfristig, so dass wir unterschiedliche Perspektiven bzw Verarbeitungen und Interpretationen der Charaktere direkt abgleichen können, ansonsten bekommen wir diese Chance in der Regel in den folgenden Kapiteln. Diese Art zu Erzählen wirft uns Lesende ein bisschen herum, Interpretationen, die wir gerade sehr schlüssig aus der einen Perspektive gelesen haben, werden in der nächsten deutlich oder subtil in Frage gestellt und es bleibt an uns emotional Partei zu ergreifen oder uns zu fragen, was denn nun stimmt. Dabei schafft die Autorin meisterhaft Raum für die Wertschätzung des Subjektiven und den Meta-Blick auf Kommunikation und Beziehung über ein Recht haben müssen hinaus.
Hauptsächlich lesen wir aus der Perspektive der Freundinnen Viktoria und Helene, wobei Love-Interest Polly auch deutlich Raum bekommt. Weniger hören wir von Viktorias Tochter Lara. Die Freundinnenschaft zwischen Viktoria und Helene wird nahbar und über den Verlauf des Buches hoffnungsstiftend erzählt, und komplementiert die, hauptsächlich mit der Figur Polly gestellte, Frage nach dem Erfolg des Feminismus oder womöglich doch nur anderen-neuen Strukturen des Patriarchats. Den Versuch eines Plots der die Entwicklungen auf den Beziehungsebenen forciert und zusammenbringt macht das Mysterium um den Raben Toni. An diesem Punkt ist das Buch für mich am Schwächsten, auch wenn ich das zu Beginn nicht gedacht hätte.
Sehr realistisch sind die kleinen persönlichen Veränderungen und neuen Kommunikationsversuche, die die Charaktere erleben und wagen. Insbesondere Laras Entwicklung hat mich berührt, auch, weil diese tatsächlich miterlebend erzählt wird, statt in eher kurzen Rückblenden erklärt, wie bei Viktoria und Helene leider oft. Für mich fehlte hier der Fokus der Erzählung, es werden viele Themen mehr beiläufig erwähnt, kurz berücksichtigt und dann wieder fallen gelassen und eben, aus meiner Sicht, bei relevanten Entwicklungen der Beziehung und Charaktere, die den Buchfokus ausmachen, das Prinzip show dont tell nicht ausreichend angewandt. Das verstärkt für mich die Distanz, die durch das Spiel mit den Perspektiven ohnehin schon entsteht. Mir fehlt ein wenig die Tiefe, für mich hat dieses Buch vor allem unausgeschöpftes Potential, was ich schade finde.