Sprachlich wunderschön ¿ inhaltlich für mich mit einem massiven Bruch
"Der stille Freund" von Ferdinand von Schirach hat mich zunächst vor allem sprachlich beeindruckt. Der Roman beginnt beinahe wie ein Film in Buchform: atmosphärisch dicht, fein beobachtet und stellenweise fast synästhetisch. Man sieht, hört und spürt die Welt, die Schirach beschreibt. Gerade die Verbindung aus Kunst, Erinnerung, Orten und Begegnungen entwickelt einen ganz eigenen Sog.Dabei reiht Schirach zahlreiche Namen von Künstlern, Denkern und historischen Persönlichkeiten aneinander. Das kann faszinieren und Atmosphäre schaffen, manchmal hatte ich allerdings auch das Gefühl, dass der Text voraussetzt, all diese Referenzen zu kennen, um wirklich dazuzugehören.In der Mitte hat das Buch für mich dann deutlich an Kraft verloren. Einige moralisch schwierige Passagen empfand ich bewusst als verstörend. Wesentlich problematischer waren für mich jedoch die politischen Aussagen.Meine Kritik ist dabei ausdrücklich nicht, dass Israel kritisiert würde - im Gegenteil. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass bestimmte Positionen und Handlungen des israelischen Staates nicht kritisch hinterfragt, sondern argumentativ gerechtfertigt werden. Einige dieser Gedanken empfand ich als erschreckend. Gerade weil der Text historischen Persönlichkeiten und vergangenen politischen Kämpfen mit großer Ehrfurcht begegnet, hätte ich mir bei einem gegenwärtigen Konflikt sehr viel mehr kritische Distanz und Differenzierung gewünscht.Und genau das macht meine Bewertung dieses Buches so schwierig: Denn gegen Ende kehrt der Roman für mich tatsächlich zu seiner anfänglichen Stärke zurück.Plötzlich ist dieses feine, poetische Gefühl wieder da. Die Geschichten werden leiser, beinahe musikalisch, und für einige Seiten konnte ich mich wieder vollkommen in Schirachs Sprache verlieren. Es gibt Passagen, die wunderschön geschrieben sind und lange nachhallen."Der stille Freund" ist deshalb für mich ein widersprüchliches Buch: sprachlich stellenweise außergewöhnlich, atmosphärisch wunderschön und gleichzeitig inhaltlich an entscheidenden Stellen so problematisch, dass ich darüber nicht hinweglesen kann.Ein Buch, bei dem ich einzelne Seiten wahrscheinlich mit fünf Sternen bewerten würde - das Gesamtwerk aber nicht.