
Warnhinweise
Besprechung vom 14.03.2026
Der Naseweis
Ferdinand von Schirachs erstes Kinderbuch fragt nach Recht und Gesetz. Trifft der Bestsellerautor den richtigen Ton?
Von Oliver Jungen
Die besten Gedanken und Anekdoten in diesem Buch stammen nicht von Ferdinand von Schirach, sondern aus alten Legenden. Mal muss ein König verbergen, dass er nackt ist, mal bittet ein verlotterter Philosoph den größten aller Herrscher, ihm aus der Sonne zu gehen. Kein Vorwurf: Gut zu kompilieren, ist eine Kunst, und zwar gerade, wenn es um Recht und Gesetz geht.
Anschaulich versetzt uns der Autor zu Beginn in einen antiken Stadtstaat. Der ist traumatisiert von der jüngsten Tyrannenherrschaft, die in einem krachend verlorenen Krieg mit dem Nachbarn endete. Man darf wohl an Deutschland in der Stunde null denken. Nun soll jemand in "die Hauptstadt" geschickt werden, um "gerechte Gesetze" zu finden. Dass da jedes Eigeninteresse nur ausgeschaltet werden kann, indem der Suchende selbst nicht weiß, ob er Sklave oder Herr ist, ist ein fabelhafter Einfall - auch der stammt nicht vom Autor, sondern von John Rawls. Es ist der "Schleier des Nichtwissens", ein Gedankenexperiment aus Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit".
Nur ein Kind, darauf kommen die Bewohner, erfülle diese Bedingung. Es weiß ja noch nicht, was einmal aus ihm wird. Warum der jugendliche Protagonist dann ausgerechnet nach Alexander dem Großen benannt ist, bleibt fraglich. Schließlich ist der Makedonier nicht nur als genialer Feldherr bekannt, sondern auch für seine Massaker und seine Hybris bis zur Selbstvergottung.
Der Alexander des Buchs freilich ist ein friedliebender Junge. Und klug dazu. Wie Ödipus löst er das bekannte Rätsel der Sphinx. Das prädestiniert ihn für die Suche nach den Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens. Da wird es dramaturgisch kurz wackelig, denn während Alexander schon aufbrechen will, taucht ein General aus der Nachbarstadt auf und verlangt von den Bewohnern in etwa dasselbe noch einmal - sie müssen sicherstellen, dass nie wieder ein Tyrann regiert -, nur diesmal mit einer Frist von sieben Tagen versehen. Man stutzt angesichts des versierten Erzählers ob dieser Redundanz.
Die eigentliche Reise verläuft dann nach klassischem Kinderbuchmuster: Alexander trifft einen freiheitsliebenden Winzer, einen herrlich selbstverliebten Modeschöpfer, Diogenes in der Tonne, eine auf Selbsterkenntnis pochende Orakelpriesterin und weitere Personen. Von allen, ob sie nun vorbildlich wirken oder nicht, lernt er wichtige Lektionen. So sammeln sich in seinem Kopf die gerechten Gesetze an, die um Freiheit und Gleichheit kreisen. Zwei Streithähne etwa übertreffen einander mit kuriosen Theorien wie der, dass die Welt auf dem Rücken von Dackeln ruhe (bei der hinduistisch-chinesischen Vorlage ist es eine Schildkröte), was zu der Konklusion führt: "Die Freiheit, seine Meinung zu sagen, ist auch ein wichtiges Gesetz." Den in einer der alexandrinischen ähnelnden Bibliothek angesiedelten Höhepunkt der Bildungsreise macht die Erkenntnis aus, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Die Illustration läuft diesmal über eine vereinfachte Version der Handlung des partizipativen Schirach-Theaterstücks "Terror" (Darf man einige Menschen töten, um viele zu retten?). Hier soll Alexander entscheiden, ob er einen dicken Mann opfern würde, um damit einen bergab auf eine Gruppe von Menschen zurasenden Wagen aufzuhalten. Nein, ist die richtige Antwort, denn ein Mensch dürfe nie Mittel zum Zweck sein. Das leuchtet ein. Und doch: Die Basis des Grundgesetzes und aller Demokratie nun ausgerechnet aus einem auf den Effekt berechneten Schirach-Dilemma herzuleiten und damit "Terror" quasi den abendländischen Mythen an die Seite zu stellen, das wirkt fast so eitel wie des Modeschöpfers Getue.
Alexander kehrt rechtzeitig zurück. Das Glück der Stadt ist gerettet, Wissenschaft und Handel erblühen, die Abende verbringt man fortan im Theater. "Die Männer", heißt es, "waren jetzt keine Soldaten mehr" (angesichts der Wehrpflichtdebatte vielleicht der am stärksten polarisierende Aspekt des Buches). Als Kinderbuch ist "Alexander" geeignet, weil es in einfachen Worten komplizierte Dinge auf den Punkt bringt. Dass dem Autor in seinem ersten Buch dieser Art so mühelos eine ansprechende Erzählhaltung gelingt, liegt vielleicht daran, dass er immer schon in diesem einfachen, erklärenden, naseweisen Ton erzählt hat.
Ferdinand von Schirach: "Alexander".
Penguin Junior, München 2026. 160 S., geb., 18,- Euro. Ab 9 J.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.