Ellen, ein Roman von Franziska zu Reventlow, neu verlegt 2026 bei Reclam (ursprünglich 1903) und Teil der Klassikerinnen-Reihe, die frau einfach nicht genug feiern kann, ist die Geschichte eines aus ihrer Zeit heraus rebellischen Geistes, die auch heute noch sehr lesenswert ist.
Was für ein Mut muss die Autorin zu ihrer Zeit gehabt haben, um diesen sehr autobiographisch geprägten Roman zu veröffentlichen, in dessen Hauptfigur Ellen ihre Zeitgenossen sehr gut Franziska zu Reventlow erkannt haben werden?
Ellen Olestjerne wächst relativ isoliert und zunächst noch privilegiert auf Schloss Nevershuus auf, mit vielen Geschwistern. Von Anfang an hat sie eine schwierige Beziehung zur Mutter, der Freifrau Anna Juliane, diese schlägt Ellen viel und verhält sich willkürlich, Ellen hat Angst vor ihr. Der Vater hat eine enge Beziehung zu ihrer deutlich älteren Schwester Marianne, die sich fügsam in das Rollenbild der Frau Ende des 19. Jahrhunderts gibt, kümmert sich aber wenig um die anderen Kinder. Ellen passt in dieses Rollenbild der strebsamen Tochter überhaupt nicht hinein, schon früh sucht sie Freiheit und Kunst. Sie kann sich nicht mit Regeln abfinden, sucht heimlich Kontakt zu den Dorfkindern, zieht sogar mit einem Zuchthäusler durch die Gegend, begehrt immer wieder gegen die starren Grenzen auf. Die Eltern versuchen sich an verschiedensten Erziehungsmethoden, um den Freigeist zu brechen, erfolglos, und selbst ein Kompromiss, das Lehrerinnenseminar, scheitert. Ellen findet Liebschaften, aber keine Liebe, sie findet Künstlerkommunen, aber nicht die innere Künstlerin, sie findet ewige Rastlosigkeit, aber keine Zufriedenheit. Ellen bleibt ein Unruhegeist und lebt immer in der Krise, findet nie wirkliches Verständnis.
Reventlow schreibt aufgewühlt und schonungslos: Wie sehr insbesondere künstlerische Frauen und Freigeist kleingehalten wurde und mit welchen Mitteln im letzten Jahrhundert, wurde für mich von Anfang an spürbar. Das merkwürdig aufgeladene Verhältnis zur Mutter, die Scheu vorm Vater, das schlimme Fremdbild, das andere Menschen von Ellen skizzieren, der ewige Kampf um ein gesundes Selbstbild, ein Ich, die Kunst, das freie Leben, aber auch eine große Bindungsstörung (nicht, dass frau sich binden müsste!), das alles ruft noch viel mehr durch die Zeilen als in den anderen Büchern, die ich aus dieser Reihe schon las. Stark, wie Ellen kämpft, auch immer wieder um Glauben, der ihr fast schon logisch nichts bringt, sehr berührend und mitreißend. Die Autorin, die selbst ein vergleichbares Leben lebte, bringt die innere Unruhe perfekt in die Zeilen, es ist ein atemloses Lesen, ein hoher Puls der Unstetigkeit, der durch die Seiten jagt.
Trotz der Form des zumindest partiellen Briefromans hat das Buch für mich einen guten Sog entwickelt, nur am Ende fand ich es geschwätzig und etwas schwülstig, da hat es mich ein bisschen verloren. Wie ich das Ende überhaupt schade fand, auch wenn es autobiographisch korrekt ist, weil hier die Frau einmal mehr erst dann wirklich zu sich und zu einer Ruhe in ihrer Unruhe findet, als sie ihrem Rollenbild in Teilen doch erliegt.
Was mich wirklich begeistert hat, ist wie sehr Fin de Siecle und Jugendstil durch den Roman weht, die Jahrhundertwende, der Vorgriff auf die 20er, es wurde so spürbar! Atmosphärisch stark geschrieben, ich mochte es sehr. Und das, obwohl die Autorin Ellen und also irgendwie auch sich selbst nicht unbedingt sympathische Züge gibt, immer wieder verliert man als Lesende doch auch die Geduld mit diesem Wesen. Und dennoch war ich durchweg bewegt. Was für ein Aufruhr muss dieses Buch gewesen sein. Ergänzt wird es mit einem Nachwort, das noch einmal viele Informationen für die historische Einordnung bietet.
Eine großartige Zeitstudie und noch so viele Spuren von ihr heute in der Welt, in der wir gerade erneut einen starken anti-feministischen Backlash erleben. Unbedingt lesenswert.