Wer kennt Gabriele Reuter? Wahrscheinlich niemand, was schade ist. Die offizielle Lesart zählt die 1859 Geborene zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen der Jahrhundertwende. Nach ihrer Kindheit in Dessau und Jahren in Ägypten lebte sie als freie Autorin in Deutschland und der Schweiz. Ihre Romane und Erzählungen gehören zu den wichtigsten Werken der frühen Frauenliteratur.
Mit der sehr schönen Neuausgabe von 'Das Tränenhaus' macht der Reclam-Verlag diesen erstmalig 1909 erschienenen Roman wieder zugänglich. Er entführt uns in die tiefste schwäbische Provinz, wo eine toughe, geschäftstüchtige Landhebamme ein schäbiges Gebärheim für 'gefallene Mädchen' führt. Die jungen Frauen, verführt, benutzt, missbraucht, bringen, versteckt vor ihrem Zuhause, ihre Kinder zur Welt, die an verwitwete Ziehmütter im Umland vermittelt werden. Die Hauptfigur Cornelie Reimann, eine Schriftstellerin und Vertreterin der neuen Reformbewegung, ist eine ganz untypische Bewohnerin. Im Tränenhaus angelangt, hat sie kein Bedürfnis, ihre Mitbewohnerinnen kennenzulernen. Diese sind rundum abhängig von ihren Familien, wirken naiv, voller Angst und Scham. Und sie sind komplett allein. Sie kämpfen um ihre Selbstbestimmung, und in Cornelie finden sie ein Vorbild, einer großen Schwester, klugen Führerin gleich. Gabriele Reuter reduziert sie nicht auf Opferrollen, realistisch schildert sie das Milieu, differenziert die Figuren. Und nach und nach entsteht aus der gemeinsamen elenden Lage ein Gefühl von Solidarität und Gemeinschaft.
Die Thematisierung von Schwangerschaft unverheirateter Frauen im Kaiserreich löste bei Erscheinen des Buches einen Skandal aus. Annette Seemanns informatives Nachwort ordnet den Roman in die Literatur- und Kulturgeschichte ein und verweist auf seine Aktualität im Kontext der Frauenbewegung. Die Neuausgabe lässt uns eine Autorin wiederentdecken, deren kritischer Blick auf gesellschaftliche Machtverhältnisse bis heute mehr als aktuell ist. Gabriele Reuter hat die Geburt ihrer eigenen Tochter, die 1897 im Geburtshaus für ledige Mütter in Erbach an der Donau geboren wurde, zu Literatur gemacht. Das berührt.