
Besprechung vom 28.03.2026
Liebesverrat und Liebestod
Der Mann ist Schauspieler. Und Dichter. Herr Larkens also fühlt sich virtuos in Fremdestes ein. Und saugt, sie tolldreist nachahmend, seine Nächsten aus bis zur seelisch-vampiristischen Neige. Schreibt frech mythologische, die Obrigkeit verhöhnende Dramen, die ihn ins Gefängnis, und fälscht mit dessen Namen unterfertigte Liebesbriefe an die Verlobte seines Maler-Freundes Theobald Nolten, die ihn und das Mädchen Agnes, das er damit täuscht, um den Verstand bringen. Larkens nimmt Gift. Agnes stürzt sich in einen Brunnen. Nolten, der die Liebe zu Agnes zugunsten einer Gräfin Constanze verraten hatte, stirbt ebenso wie das geheimnisvolle Zigeunermädchen Elisabeth, dem Nolten einst "wie in einem Sturz hinab" in einer Burgruine ewige Treue schwor, und das wie eine liebesterrorspukende vernichtungsverkündende Geistererscheinung seine Wege kreuzt. Lauter Liebestode von Liebesverratenen. (Auch Gräfin Constanze überlebt das nicht.) Es gibt hier kein Entrinnen, keine Erlösung. Für Agnes aber bleibt immerhin ein letaler Lese-Trost. Bevor die Geistverwirrte und tief Gemütsversehrte stirbt, saugt sie auf, was der lebenswutphantastische Lügenmensch Larkens hinterlassen hat: ein Konvolut Gedichte, für Agnes "mein höchster Schatz, mehr, mehr als Gold und Perlen und Rubinen!" Und das letzte Poem darin, das Agnes vor ihrem Tod vor Augen hat, ist übertitelt mit "In der Karwoche". Voll dumpfer Glockenklänge und leiser Grabgesänge, dunkler Veilchensträuße und drohender Kreuzesschatten.
Wir befinden uns gegen Ende eines Romans aus dem Jahr 1832. Sein Titel: "Maler Nolten", sein Autor: Eduard Mörike. Ein kreuzunglücklicher schwäbischer Achtundzwanzigjähriger im falschen geistlichen evangelischen Beruf, von einer württembergischen "Vikariatsknechtschaft"-Stelle zur nächsten sich schleppend, aber zur geistigen Berufung eines der genialsten und wunderreichsten deutschen Empfindungs- und Abgründigkeitendurchdringungslyriker sich mählich wandelnd. Wobei die berufliche Unruhe seiner erotischen die Waage hielt: zeitlebens ein unsicherer Liebeskantonist, Frauenflüchtling, Entlobungskünstler, und ein Liebesverräter noch bis kurz vor seinem Tode 1875, als er sich, siebzig verweht, von seiner Frau trennte.
Was Eduard Mörike hingegen zu dichten schon früh in schönster Sprachmusikemphase im Stande war, legte er in seinem einzigen Roman dem unglücklichen Poeten Larkins in die Nachlasspapiere. Wobei die Urfassung "In der Karwoche" anders instrumentiert ist als die dann in der Ausgabe letzter Hand 1867 erschienene Version bloß einer "Karwoche". Beide haben fünf Strophen zu je vier Versen und die Reim-Struktur einer sperrigen Einkastelung: Der erste Vers reimt sich jeweils mit dem vierten, der zweite mit dem dritten. Es gibt da schon formal kein Entkommen ins Freie, Erlösende. Insofern ist das Gedicht nicht nur als scheinbar zufällig in der epischen Verlaufsform raffiniert auftauchendes lyrisches Gebilde, sondern auch notwendig rhythmisch wie hoch poetisch mit Sinn und Gehalt des "Nolten"-Romans verspannt. Wobei den Vöglein der dritten Strophe in der "Nolten"-Version noch eine Sphärenverkehrung spendiert wird, sie im ersten Vers gleich "hoch im Himmelblauen" sich tummeln dürfen, im vierten dann "auf den grünen Auen", während es in der späteren Fassung umgekehrt zugeht. Entscheidender aber ist die Veränderung der fünften Strophe.
Im früheren Gedicht nämlich tritt da noch ein Ich in Erscheinung, das flehentlich das "fromme Kind", das die Veilchen im "dunkeln Strauße" zu "des Herrn Altare" trägt, bestürmt: "Wird sie sich dann in Andachtslust versenken / Und sehnsuchtsvoll in süße Liebes-Massen / Den Himmel und die Welt zusammenfassen, / So soll sie mein - auch mein! dabei gedenken." Der Geliebten wird zugetraut, gegen alle grabestote Karfreitagsliturgie den Himmel und die Erde in einer Art Gegen-Religion der Liebe noch lebenspendend umfassen zu können und den Liebhaber dabei nicht zu vergessen. In der romantischen Genre-Szene einer Liebesbeschwörung wird die All-Versöhnung der Gegensätze wenigstens herbeiphantasiert.
In der endgültigen "Karwoche" dagegen wendet sich das Ganze ins dramatisch aussichtslos Katastrophische. Da der evangelische Geistliche Mörike sowieso den Teufel tut, seine Karwoche ins Allerheiligste und Allertröstlichste, also die Auferstehung Jesu Christi münden zu lassen, bleiben auch alle Gegensätze so gnaden- wie trostlos unversöhnt. Wo die von Liebe, Gefühl und Schönheit durchpulste Natur der "Flöre" sich förmlich spreizt gegen den Andachtskerker dieser Woche, die hier als "Zeugin heiliger Beschwerde" als personalisiertes Du vor den lyrischen Richterstuhl gerufen wird, wo die Veilchen und die Vöglein unter dumpfen Glockenklängen und leisen Grabgesängen ihre eigentliche Berufung schwänzen müssen, nämlich Jubellieder zu singen und Lockenhaare zu kränzen, was allein zu unschuldig erotisch gezierten Spielereien passte - sind hier Liebe wie Leben: mausetot. Die Geliebte sucht den "Bräutigam in Grabesgrüften", wie unter Drogen "von Trauermelodien trunken" und "süß betäubt von Weihrauchdüften", wobei gleich "Lieb und Frühling" und "alles", also das große Ganze, das auf dem Endspiel steht, "versunken" ist. Die Erde ist wüst und leer. Keine Phantasie reicht da mehr hin. Dem Liebhaber bleiben allenfalls: Schmerz und Sehnsucht. Kein Ostern.
Eduard Mörike: "Sämtliche Gedichte in einem Band". Hrsg. von Bernhard Zeller. Insel Verlag, Berlin 2001. 512 S., br., vergriffen.
Von Gerhard Stadelmaier ist zuletzt erschienen:
"Deutsche Szenen". Edition Klöpfer im Kröner Verlag, Stuttgart 2022. 153 S. geb.
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