Die frühen Christen Leppin Harmut
Hartmut Leppin zeichnet ein differenziertes Bild der ersten 300 Jahre des Christentums. "Das Urchristentum" gab es nicht, sondern viele Diskussionen über viele Fragen, die einzelne Gruppen unterschiedlich behandelten, was sich etwa 50 Jahre nach Christi Tod in verschiedenen Evangelien niederschlug. Die frühen Christen lehnten die Macht des Kaisers ab und mussten sich doch mit der römischen Gesellschaft auf verschiedene Weise arrangieren. Anfangs gaben Propheten und Weise den Ton an, erst allmählich etablierte sich das Bischofsamt. Der Übertritt Kaiser Konstantins gab den machtorientierten Richtungen Oberwasser, diese arrangierten sich mit dem Kaiserhof, machten die Hälfte der schriftlichen Überlieferung zu verbotenen Apokryphen, die nur in Äthiopien und Indien überlebten und erklärten alle anderen Richtungen zu Häretikern.
Das Abendmahl wurde in Privatwohnungen eingenommen und war zunächst nichts Ungewöhnliches, wurde doch bei heidnischen Opferritualen meist auch gemeinsam gegessen. Über die Diskussionen, ob man Fleisch essen, die jüdischen Essensrituale einhalten und den Sabbat einhalten sollte, entwickelten sich verschiedene Splittergruppen. Christen nahmen lange an heidnischen Festen teil, die sie nicht ernst nahmen, wo sie aber mitaßen und deswegen kaum auffielen. Erst als sie den Kaiserkult verweigerten, kam es zu Verfolgungen. Es gab auch neue Propheten: Marcion trennte das Christentum radikal vom Judentum, Mani entwickelte es weiter durch persische Elemente, gründete schließlich seine eigene Religion, die sich bis nach China ausbreitete.
Es bürgerte sich der Sonntag als Tag des Herrn ein, an dem das Abendmahl gegessen wurde. Konstantin taufte ihn Sonntag, Tag des Sol Invictus, dem vor dem Christentum gehuldigt wurde. Weihnachten entstand erst viel später, wieder am Geburtstag des Sol Invictus. Danach wurden die heidnischen Prozessionen allmählich zu christlichen Umzügen.
Die Bischöfe sicherten sich bald das Recht zu taufen. Der frisch Getaufte wurde angehalten, den Autoritäten zu folgen und ein christliches Leben zu führen. So entstand allmählich eine Hierarchie, die unter Konstantin die römische Verwaltung imitierte.
Leppin ist Historiker und das macht sein Buch auch für kritische Geister lesbar. Er hält sich an die durch Quellen nachweisbaren Fakten und verzichtet auf dogmatischen und ideologischen Ballast. Das ist eine Wohltat für den Leser, nachdem fast alle bisherigen Bücher zum Christentum entweder von glühenden Dogmatikern oder von fanatischen Gegnern geschrieben worden sind. Niemand wird gezwungen, etwas zu "glauben", wohl aber helfen die historischen Tatsachen beim Verstehen der christlichen Entwicklung bis in die Jetztzeit, sodass sich jeder Leser ungestört seine Meinung bilden kann, welche Prinzipien er akzeptiert und welche nicht.
Dr. Rüdiger Opelt, Autor von "Die Kinder des Tantalus. Ausstieg aus dem Kreislauf seelischer Verletzungen."