Ein Buch wie ein Traum. Rätselhaft, melancholisch und lange nicht zu vergessen ¿¿
Ich habe das Buch gerade beendet und merke, wie die Geschichte immer noch in mir arbeitet. Mit jeder Minute, die vergeht, verändert sich mein Blick auf das Ende ein kleines Stück. Erst war da einfach nur Freude. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr mischt sich Melancholie dazu. Und genau dieses Gefühl beschreibt das Buch für mich eigentlich perfekt.Schon die ersten beiden Bände haben mich komplett in diese Welt gezogen. Ich habe jede noch so kleine Andeutung aufgesogen, Theorien entwickelt und unglaublich viel Freude daran gehabt, dieses riesige Mosaik Stück für Stück zusammenzusetzen. Im dritten Band hat sich mein Lesen ganz natürlich verändert. Nicht, weil weniger Fragen da waren, sondern weil ich inzwischen in dieser Welt angekommen war. Vieles hat sich vertraut angefühlt und genau deshalb konnte ich mich noch mehr auf die Atmosphäre, die Figuren und die Geschichte selbst einlassen. Rückblickend war genau das eine meiner schönsten Leseerfahrungen mit dieser Reihe.Besonders gut gefallen hat mir auch der Wechsel zwischen Aomame, Tengo und Ushikawa. Mit Ushikawa hätte ich am Anfang überhaupt nicht gerechnet. Ich fand ihn einfach nur seltsam. Irgendwann wurden seine Kapitel aber zu meinen liebsten. Vor allem, weil er sich immer wieder fragt, ob die Welt verrückt geworden ist. Genau diese Unsicherheit begleitet einen als Leser die ganze Zeit und ich mochte unglaublich, wie Murakami sie durch seine Figur eingefangen hat.1Q84 ist für mich eine wunderschöne Liebesgeschichte. Leise, ruhig und voller Sehnsucht. Tengo und Aomame verbindet etwas, das sich kaum erklären lässt. Die Szenen, in denen beide getrennt voneinander dieselben Monde betrachten, sich suchen oder einfach nur aneinander denken, gehören für mich zu den schönsten Momenten der gesamten Geschichte. Gerade diese stillen Augenblicke haben mich oft viel mehr berührt als die großen Wendungen.Was ich an Murakami so liebe, zeigt sich für mich auch in diesem Buch wieder. Er möchte seine Geschichte gar nicht vollständig erklären. Er gibt einem Hinweise, legt Spuren aus und lässt trotzdem genug Platz für eigene Gedanken. Für mich hat sich 1Q84 wie ein riesiges Mosaik angefühlt. Mit jedem Kapitel fügte sich ein weiterer Stein an seinen Platz. Vieles wurde klarer, manches bekam eine völlig neue Bedeutung und trotzdem blieben einzelne Steine bis zum Schluss bewusst offen. Genau das macht dieses Buch für mich so besonders. Es möchte nicht gelöst werden. Es möchte erlebt werden.Auch die Little People habe ich im Laufe der Geschichte immer anders wahrgenommen. Lange wusste ich überhaupt nicht, wie ich sie einordnen soll. Je weiter ich gelesen habe, desto mehr wurden sie für mich zu einem Symbol für Kräfte, die unser Leben beeinflussen, ohne dass wir sie wirklich greifen können. Vielleicht habe ich damit völlig unrecht. Vielleicht auch nicht. Aber genau diese Freiheit liebe ich an Murakamis Büchern. Jeder Leser darf sich seine eigene Wahrheit zusammensetzen.Sein Schreibstil hat mich wieder komplett begeistert. Ruhig, bildhaft und voller kleiner Momente, die lange nachwirken. Selbst die ungewöhnlichsten Dinge fühlen sich selbstverständlich an und irgendwann hört man auf, alles erklären zu wollen. Man lässt sich einfach treiben. Genau das habe ich bei diesem Buch gemacht und ich glaube, dadurch konnte ich es noch mehr genießen.Das Ende hat für mich noch einmal alles verändert. Nicht, weil plötzlich jede Frage beantwortet wird, sondern weil Murakami genau das nicht tut. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Und im nächsten Moment war da wieder diese leise Unsicherheit. Genau dadurch werde ich noch lange über diese Geschichte nachdenken.Wenn ihr ein Buch sucht, das euch am Ende jede Antwort liefert, dann wird 1Q84 wahrscheinlich nicht das Richtige für euch sein. Wenn ihr aber Geschichten liebt, die zwischen den Zeilen erzählen, euch vertrauen und euch Raum für eigene Gedanken lassen, dann kann ich euch dieses Buch von Herzen empfehlen. Für mich war 1Q84 nicht einfach nur ein Roman. Es war eine Reise, die mich mit jedem Band ein Stück tiefer in ihre Welt gezogen hat. Und genau wie Murakamis Figuren habe ich irgendwann aufgehört, nach jeder Antwort zu suchen. Stattdessen habe ich angefangen, die Geschichte einfach zu fühlen. Ich glaube, genau darin liegt für mich die eigentliche Magie dieses Buches.