«Short Storys sind öd? Ja, oft. Doch nicht jene von Heinz Strunk.» Der Standard
Heinz Strunk lädt uns wieder ein in eine Welt, in der es viel zu staunen und zu lachen gibt, obwohl sie im Großen und Ganzen voller Schmerz und Schauer ist. Berichtet wird von ganz schön merkwürdigen Krankheiten, beunruhigenden Vorgängen im Nachbarhaus der Vorortsiedlung, es werden abgrundtief elende Familiengeschichten und Paartragödien erzählt. Versammelte Haushaltsroboter wohnen andächtig einem Puppentheater bei, eine Frau möchte sich nur die Nase richten lassen und gerät an den ganz falschen Schönheitschirurgen, und am Fischbuffet im Luxusresort in Maspalomas ziehen in der Nebensaison Rentnerpaare gegeneinander in den Krieg.
Die Welt von Heinz Strunk wirkt düster und fremd, obwohl oder weil sie mit jeder Faser mit unserer eigenen Realität verbunden ist.
Besprechung vom 06.08.2025
Über der Menschen Bresthaftigkeit
Heinz Strunk lässt nicht locker: Neue Erzählungen
Während andere ewig für so etwas brauchen (wenn sie es überhaupt können), macht Heinz Strunk das eher zwischendurch. Tatsächlich kommt es daher wie für den kleinen Hunger zwischendurch, aber man braucht einen starken Magen, um sich den Inhalt dieses Schatzkästchens einzuverleiben, in dem (literarisch!) überreife Ware steckt, manches ist sogar verdorben - "verdorben" so zu verstehen, dass sein aller Illusionen beraubter und für keinen Lichtstrahl irgendeiner Hoffnung mehr erreichbarer Hersteller selbst verdorben ist und mit bösem Blick auf das Leben blickt.
Zartbesaitete oder solche, die es gerne harmlos haben, sollten vielleicht lieber in Deckung gehen. Hatte Strunk nicht im vergangenen Herbst, also praktisch eben erst, die vom Romanjubiläum festlich bewegte Thomas-Mann-Leserschaft, und nicht nur sie, mit seinem "Zauberberg 2" frech herausgefordert, das ohne Not eingegangene Wagnis aber absolut heil überstanden?
Jetzt lässt er, zum dritten Mal nach dem "Teemännchen" (2018) und dem "gelben Elefanten" (2023), wieder Erzählungen auf die Leute los, die in ihrer Miesmacherei und über jeden Zweifel erhabenen Humanität - Strunk ist nun mal ein Meister des Mitgefühls - auch nicht gerade das sind, was man sich unter herkömmlicher Sommerlektüre vorstellt. Wer einen Sinn für Strunks Pessimismus, für sein Leiden an der Welt hat, wird seine Bücher zu den Erleichterungen, letztlich Tröstungen rechnen, die Literatur bereitzuhalten vermag. Ohnehin ist, nach Thomas Mann, noch jedes gute Buch, das gegen das Leben geschrieben wurde, eine Verführung zum Leben. Am "Zauberberg" dürfte Strunk unter anderem das interessiert haben, was dessen Autor "Bresthaftigkeit" nannte: den (menschlichen) Körper in allen Varianten der Schwäche - Fehlbildungen, Krankheiten, Verfall, Auflösung.
Die Befassung damit scheint nachgewirkt zu haben, wobei Strunk den Zusammenhang zwischen Schwäche und Verfeinerung wieder umstandslos kappt und bei dem seit "Fleisch ist mein Gemüse" so wirkungsvoll praktizierten Darwinismus bleibt. Die Auslese auf dem Markt der Attraktivität kennt keine Gnade. Die nach landläufiger Einschätzung Dicken oder Hässlichen, die der Erzähler so scharf ins Auge fasst, sind meistens auch noch dumm, jedenfalls ungeschickt; die Schönen dagegen mitleidlos und auf die Weise schlau, dass sie ihren Vorteil zu nutzen wissen. Dies ist recht eigentlich das "Strunk-Prinzip", wie die langjährige Kolumne im Satiremagazin "Titanic" zunächst hieß, die 2014 gesammelt als Buch herauskam.
Der 190-Seiter "Kein Geld Kein Glück Kein Sprit", den Strunk nun vorlegt, fällt, mit den plakativ und wie in fatalistischem Hohn durchgestrichenen Substantiven, direkt mit der Tür ins Haus - lauter Mängelanzeigen, in denen das Elend, das die Zukurzgekommenen oder die mit übergroßer Sensibilität Geschlagenen auszuhalten haben, grell hervortritt. Die drei Dutzend Erzählungen beweisen schon mit ihrer Länge zwischen noch nicht einmal drei Zeilen und fünfzehn Seiten eine Flexibilität, die ihre Entsprechung in der formalen wie inhaltlichen Vielseitigkeit findet. Dabei hat Strunk die Methodik seines Erzählens sowohl weiter verfeinert als auch repertoiremäßig noch einmal ausgeweitet; das Skizzenhafte der Typencharakterisierungen ist nun vollends im Minimalismus angekommen, der Zug ins Phantastische, auch Schauergeschichtliche hat sich noch einmal verstärkt.
Strunk geht seiner Faszination für Monstren, Mumien, Mutationen schon lange gewinnbringend nach und lädt immer wieder ein zur Betrachtung jeder Form von Abweichung, deren Inszenierung er mit statistischem Wissen abzusichern weiß. Beispiel: Was macht man, wenn ein Schluckauf nicht mehr weggeht? Eine Frau, die ohnehin nicht am Leben hängt, nimmt dies zum Anlass für einen Sprung von der Hamburger Köhlbrandbrücke, für den sie gewissermaßen Anlauf nimmt, indem sie sich in einem Dead-end-Hotel einquartiert, um "die nötige Sprungschwere" zu erreichen ("Bäuerchen", was für ein höhnischer Titel!). Anderes lappt ins Unwahrscheinliche wie "Der allererste Tag im Grab", das Poe'sche Räsonnement eines lebendig Begrabenen ohne Körper, der aus seiner Immaterialität geistige Funken schlägt. Horrorfilmkompatibel ist "Der Riese in der Holzklasse": Da wird von einem 2,11 Meter großen Glasknochenkranken erzählt, dem von einer bösartigen Frau der Platz weggenommen wird und der, weil er nicht lange stehen kann, daraufhin innerlich wie äußerlich völlig zerfällt - das hätte auch David Cronenberg nicht besser zeigen können. Der im Titel ein wenig irreführende, fast klinische Bericht "Grosser-Marfin-Syndrom" (man google das, aber "Marfan" mit "a") handelt von einem Mann mit extremer Frequenzamplitude der Stimme: beim Baby so tief und beim Erwachsenen dann so hoch, dass sie unhörbar und nur noch von Fledermäusen zu hören ist.
Man staunt über die Virtuosität, mit der dieser Erzähler seine fantasy im Griff hat, und freut sich dann wieder über die aus dem Leben der Beschädigten, der Erniedrigten und Beleidigten gegriffenen Begebenheiten und Missgeschicke, bei denen Strunk natürlich in seinem Element ist. Hier bewährt sich sein Mitgefühl am spürbarsten, auch oder wohl eher, weil jede Beschönigung unterbleibt.
Menschliche Existenz steht und fällt mit dem Körper, dessen Betrachtung meistens wenig Anlass zur Zufriedenheit gibt und dessen Unvollkommenheit in den Moll-Tönen eines Vanitas-mundi-Weltbildes beklagt wird, dem ein resignativer Zug eingeschrieben ist. So etwas wie body positivity ist bei Strunk ein Ding der Unmöglichkeit; alles ist umflort von Trauer, Verzweiflung, unerfüllten Sehnsüchten. Der jungen Frau, die bei ihrem Wunsch nach einer schöneren Nase an den falschen Schönheitschirurgen gerät ("Nasofrontaler Winkel"), entspricht der schlappe Mann, dem seine herrische Frau einen Fitnesstrainer verordnet, der aber noch vor Trainingsbeginn stirbt. Rührend die Skizze einer nervenschwachen Supermarktkundin ("Ihr größter Coup"); furchteinflößend die Gewalt von Dorfbewohnern, die sich an der Arroganz einer Städterin entlädt ("Gesegnete Hände").
Es gibt außerdem: den Zusammenbruch eines Altrockers ("Legenden"); einen Ballett-Theater-Besuch, bei dem ein Otto Normalverbraucher angesichts der Kälte, die seine schöne Begleiterin ausstrahlt, am Ende wohltuend die Nerven verliert ("Bruchteil einer Sekunde"); oder - auch eines von Strunks Leib-und-Magen-Themen - die wie mit dem Röntgenblick durchleuchtete, innerlich längst verödete Urlaubsgesellschaft, die selbst dann noch nur ans Essen denkt, wenn jemand in Sichtweite kollabiert ("Scampipfanne"); genauso wie den von einer Gruppe Jüngerer über Pfingsten mitgeschleppten, nicht mehr ganz taufrischen Fernseh- und Filmstar, der sich als beklemmende Last entpuppt ("Poolnudel").
Den absolut niederschmetternden Effekt dieses Erzählens nicht nur auszuhalten, sondern auch noch zu genießen, hat nichts mit Masochismus zu tun. Der Stil, an dessen Kondensierung Strunk weiter feilt, ist nah am Alltag und, im besten Sinne, breit anschlussfähig. Sprachschöpferische Ambitionen hat Strunk keine, Prätentiöses taucht höchstens in parodistischer Absicht auf. Selbst Schlimmstes verströmt, allein durch die Drastik und Genauigkeit, zuweilen grimmige Komik. Manchmal ist es auch nur einfach zum Lachen: "Fart Yoga", der, wie immer bei Strunk, zielgenaue Ausflug in den Lifestyle, bei dem ein Teilnehmer die Luft verpestet - "PRÖÖÖT"!
Wer macht und kann so viel wie Heinz Strunk? Sehr viele sind es wohl nicht. Mit Preisempfehlungen ist es so eine Sache; es heißt, sie gingen meistens nach hinten los, weil keine Jury sich gerne etwas vorschreiben lässt. Trotzdem an dieser Stelle ein Stichwort Richtung Darmstadt, das es mit allen Beteiligten gut meint: Büchner-Preis. Denn was soll der Geiz noch länger? In diesem Fall hätte das auch den Vorteil, dass es nicht zu früh und nicht zu spät ist. EDO REENTS
Heinz Strunk: "Kein Geld Kein Glück Kein Sprit". Erzählungen.
Rowohlt Verlag,
Hamburg 2025.
192 S., geb.
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