Das Problem der philosophischen Gottesbeweise ist weder gelöst noch erledigt. Es ist so drängend wie in alter Zeit, aber in seiner Form und Bedeutsamkeit uns heute nur schwer verständlich. Henning Tegtmeyer analysiert die philosophische Gottesfrage und die möglichen Methoden ihrer Beantwortung.
Natural theology is the philosophy of God's essence and existence. Philosophy without theology remains essentially incomplete. This is not just a time-honored commonplace philosophical conviction that can be traced back to Plato, it is also a genuine insight into what philosophy essentially is. Henning Tegtmeyer advocates a renewal of natural theology. His main argument is that questions and problems of natural theology are the unfinished tasks of thinking. The author discusses problems involved in a possible renewal of natural theology, including the theodicy dilemma and above all the relationship between natural theology and doctrinal revealed theology and the philosophy of religion as well as its place in a pluralistic understanding of religion and in an interreligious dialog. Henning Tegtmeyer plädiert für eine Erneuerung der Natürlichen Theologie als Teildisziplin der Metaphysik und damit der Philosophie. Dass deren Fragestellungen und Probleme unerledigte Aufgaben des Denkens sind, ist seine Hauptthese. Kants wirkmächtige Kritik der Gottesbeweise, des Kernstücks jeder Natürlichen Theologie, erweist sich als nicht allgemeingültig, denn sie trifft nicht die theistischen Argumente Anselms von Canterbury, René Descartes' und des Aquinaten. Auch ambitionierte Versuche einer Reduktion der Theologie auf Anthropologie bei Feuerbach und Bloch scheitern. Die theologischen Ansätze Anselms und Descartes' einerseits, des Thomas von Aquin andererseits müssen als in sich konsistente, aber konkurrierende Paradigmen der Natürlichen Theologie verstanden werden. Da diese Ansätze auf unvereinbaren methodischen Prinzipien zu beruhen scheinen, ergibt sich eine fundamentale methodische Aporie der Natürlichen Theologie insgesamt. Schellings Spätphilosophie wird als Beitrag zur Lösung dieses Problems präsentiert.
Am Schluss der Arbeit erörtert der Autor Folgeprobleme einer möglichen Erneuerung der Natürlichen Theologie, zu denen neben dem Theodizee-Problem vor allem ihr Verhältnis zur doktrinalen Offenbarungstheologie einerseits, zur Religionsphilosophie andererseits gehört, aber auch ihr Ort in einem pluralistischen Religionsverständnis und ihre Stellung im interreligiösen Dialog.
Inhaltsverzeichnis
I. Feuerbachs These
Theologie als verstellte Selbsterkenntnis des Menschen - Die Hypostasierungsthese - Spekulative Selbsterkenntnis - Gottes- und Menschenbild als philosophisches Problem
II. Die Transzendenz der Gattung
Gattungsentwicklung und Transzendenz - Das Wesen des Menschen und die Zukunft - Religion als Repression und Utopiebewusstsein - Die Denkbarkeit des Ultimum
III. Erkenntnis des Transzendenten
Einwände gegen Anselms Argument - Anselm über das Gute - Das eine Argument - Seinsweise und Attribute des höchsten Denkbaren
IV. Selbstbewusstsein und Gotteserkenntnis
Noch einmal das eine Argument - Selbstbewusstsein - Formale Analogien zwischen Selbstbewusstsein und Gotteserkenntnis - Gotteserkenntnis und Welterkenntnis
V. Naturerkenntnis und spekulative Theologie
Kritik des theologischen Apriorismus - Ontologie als Basis der Theologie - Seinsordnung und Kontingenz - Probleme einer Theologie aus Ontologie
VI. Geist, Vernunft, Natur
Eine Aporie - Glauben, Wissen, Spekulation - Sein und Geist - Identität von Geist und Natur?
VII. Probleme der Natürlichen Theologie
Theodizee als Problem der Natürlichen Theologie - Religionsphilosophie und Natürliche Theologie - Die Vielfalt der Religionen - Natürliche Theologie zwischen Philosophie und Offenbarungstheologie