Im vorliegenden Band wird Hegels Berliner Religionsphilosophie, die er in den vier religionsphilosophischen Vorlesungen zwischen 1821 und 1831 ausgearbeitet hat, präzise und verständlich rekonstruiert und damit einer Aneignung im Kontext heutiger Religionsphilosophie vorgearbeitet.
A promising philosophy of religion should combine two qualities: an eye for the diversity and specific character of religious phenomena on the one hand, and the power to provide a systematic overall interpretation on the other. The philosophy of religion developed by Hegel during his time in Berlin possesses precisely these qualities to a degree that is unparalleled in the present day. There is therefore reason to believe that a return to Hegel could provide innovative impetus for the current debate on the philosophy of religion. Friedrich Hermanni aims to reconstruct Hegel's Berlin philosophy of religion in a precise and comprehensible manner, thereby paving the way for its appropriation in the context of contemporary philosophy of religion. The author begins by addressing Hegel's concept of religion and the subsequent implications for understanding religions. Regarding the concept itself, religion is not merely a subjective human affair; rather, it is the consciousness that the divine spirit has of itself through the mediation of the human spirit. This means, however, that religion can only manifest within a plurality of religions, and that throughout the history of religions, religious consciousness becomes increasingly aware of the true nature of religion. The second part reconstructs Hegel's theory of the origin and validity of religious knowledge. As for its origin, religion is rooted in a conceptual elevation of man from the world to God - an elevation that occurs within "natural thought." Yet, religious knowledge is only justified when these forms of elevation prove themselves within "comprehending thought" (begreifendes Denken). The third part demonstrates how Hegel derives the three general forms of religion from the three moments of the concept of religion - (a) the substantial unity between the absolute and the finite spirit, (b) the distinction between the two, and (c) the sublation (Aufhebung) of that distinction - and how he assigns historical religions to these forms. Finally, the fourth part examines Hegel's philosophy of the "consummate religion," which he equates with Christianity. According to Hegel, Christianity is consummate because, unlike other religions, it is conscious not merely of individual moments of the concept of religion, but of all its moments. Eine aussichtsreiche Religionsphilosophie sollte zwei Qualitäten vereinen: den Blick für die Vielheit und den spezifischen Charakter der religiösen Phänomene einerseits und die Kraft zu einer systematischen Gesamtdeutung andererseits. Eben diese Qualitäten aber besitzt die Religionsphilosophie, die Hegel in seiner Berliner Zeit entwickelt hat, in einem Maße, das in der Gegenwart seinesgleichen sucht. Es gibt deshalb Grund zu der Vermutung, dass von einem Rückgriff auf Hegel innovative Impulse für die gegenwärtige religionsphilosophische Debatte ausgehen können. Friedrich Hermanni verfolgt das Ziel, Hegels Berliner Religionsphilosophie präzise und verständlich zu rekonstruieren und damit einer Aneignung im Kontext gegenwärtiger Religionsphilosophie vorzuarbeiten. Der Autor befasst sich zunächst mit Hegels Begriff der Religion und den Konsequenzen, die sich daraus für das Verständnis der Religionen ergeben. Was den Begriff angeht, so ist Religion keine bloß subjektive Angelegenheit des Menschen, sondern das Bewusstsein, das der göttliche Geist durch Vermittlung des menschlichen Geistes von sich selbst hat. Daraus aber folgt, dass Religion nur in einer Vielheit von Religionen auftreten kann und dass in der Geschichte der Religionen dem religiösen Bewusstsein zunehmend deutlich wird, was es mit der Religion auf sich hat. Der zweite Teil rekonstruiert Hegels Theorie des Ursprungs und der Geltung religiösen Wissens. Was den Ursprung betrifft, so wurzelt Religion in einer gedanklichen Erhebung des Menschen von der Welt zu Gott, einer Erhebung, die im "natürlichen Denken" erfolgt. Gerechtfertigt ist religiöses Wissen allerdings erst, wenn sich die Formen der Erhebung im begreifenden Denken bewähren. Der dritte Teil zeigt, wie Hegel aus den drei Momenten des Religionsbegriffs, (a) der substantiellen Einheit zwischen dem absoluten und dem endlichen Geist, (b) dem Unterschied zwischen beiden und (c) der Aufhebung des Unterschieds, die drei allgemeinen Formen von Religion ableitet und wie er die geschichtlichen Religionen diesen Formen zuordnet. Thema des vierten Teils schließlich ist Hegels Philosophie der vollendeten Religion, die er mit der christlichen Religion gleichsetzt. Vollendet ist die christliche Religion nach Hegel deshalb, weil ihr im Unterschied zu den anderen Religionen nicht nur einzelnen Momente des Religionsbegriffs bewusst sind, sondern alle Momente.
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil: Der Begriff der Religion und die Religionen
Erstes Kapitel : Der Begriff der Religion
1. Religionsphilosophie und philosophische Theologie
2. Zwei Wege zum Begriff der Religion
3. Der erste Weg zum Begriff der Religion
4. Die Stellung Gottes auf dem ersten Weg
5. Der zweite Weg zum Begriff der Religion
Zweites Kapitel : Religion und Religionen
1. Die Vielheit der Religionen und das Verhältnis ihrer Wahrheitsansprüche
2. Die Ordnung der Religionsgeschichte
3. Die Übergänge zwischen den Religionen
4. Die Einheit der Religionsgeschichte
Zweiter Teil: Die Epistemologie der Religion
Drittes Kapitel : Denken als Wurzel der Religion
1. Denken und Nachdenken
2. Das natürliche Denken als Wurzel der Religion
3. Kritik konkurrierender Annahmen
Viertes Kapitel : Religion als vermitteltes Wissen
1. Religion als denkende Erhebung
2. Der epistemologische Charakter der Erhebung
3. Die geltungstheoretische Frage
Fünftes Kapitel: Religion als unmittelbares Wissen
1. Der Glaube als Gefühl und Vorstellung
2. Kritik der exklusivistischen Unmittelbarkeitsthese
Sechstes Kapitel : Denken als Entfaltung der Religion
1. Die Entfaltung im verständigen Denken (Gottesbeweise)
2. Die Entfaltung im begreifenden Denken
Dritter Teil: Die Evolution des religiösen Bewusstseins
Siebtes Kapitel : Der Begriff der Religion und die bestimmten Religionen
1. Das Enthalten-Sein der Religionen im Begriff
2. Erinnerung an den Begriff der Religion
3. Die Ableitung der Religionen aus dem Begriff
4. Abgrenzungen
Achtes Kapitel : Die Formen der bestimmten Religionen
1. Die erste Religionsform
2. Die zweite Religionsform
3. Die dritte Religionsform
4. Konzeptionelle Veränderungen und ihre Tragweite
Vierter Teil: Die vollendete Religion
Neuntes Kapitel : Begriff und Struktur der vollendeten Religion
Zehntes Kapitel : Der absolute Geist im ersten Element: Die Trinitätslehre
Elftes Kapitel : Der absolute Geist im zweiten Element: Schöpfungslehre, Sündenlehre und Christologie
1. Der Fortgang vom ersten zum zweiten Element (Die Lehre von der freien Weltschöpfung)
2. Das Böse und das Bedürfnis nach Versöhnung (Sündenlehre)
3. Die objektive Versöhnung (Christologie)
Zwölftes Kapitel : Der absolute Geist im dritten Element: Pneumatologie und Ekklesiologie
1. Das Entstehen und Bestehen der Gemeinde
2. Die Realisierung des Geistigen der Gemeinde