Wenn die Welt im Chaos versinkt.
Was passiert, wenn eine Pandemie nicht nur Millionen Menschenleben auslöscht, sondern auch die gesamte Gesellschaft in ein Chaos und die gesellschaftliche Ordnung zum Einsturz bringt? Wenn plötzlich nicht mehr die Regeln zählen, die wir bereits als Kinder erlernt haben und an die wir uns unser ganzes Leben lang gehalten haben, sondern nur noch das Recht des Stärkeren? Genau mit diesem düsteren Gedanken spielt Jo Nesbø in seinem Buch Insel der Ratten. So düster dieses Zukunftsszenario zu sein scheint, so erschreckend realistisch wirkt es und regt zum Nachdenken an. Und ich muss sagen, dass mich dieses Szenario ziemlich schnell in seinen Bann gezogen hat.
Das Buch spielt in einer Zukunft, in der eine verheerende Pandemie die Welt ins Chaos gestürzt hat. Armut, Gewalt und Arbeitslosigkeit gehören zum Alltag und Banden beherrschen die Straßen. Wer es sich leisten kann, bringt sich in einem sicheren Ort in Sicherheit.
Der wohlhabende Unternehmer Colin Lowe kann es sich leisten. Er flüchtet mit seiner Familie auf die Insel der Ratten. Doch scheinbar ist auch dort ist nicht alles so sicher, wie er zunächst denkt. Colins Sohn Brad ist Teil einer brutalen Gang. Als diese die Familie von Will, Colins langjährigem Freund, angreift und dessen Tochter Amy entführt, beginnt eine Story rund um Rache, Recht und Gerechtigkeit.
Was mir besonders gut gefallen hat, war die düstere und teilweise erschreckend realistische Atmosphäre. Auch wenn es sich um ein Zukunftsszenario handelt, hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass manche Entwicklungen gar nicht so weit hergeholt sind. Nesbø zeigt, wie schnell sich die Welt verändern kann, wenn die gewohnten Strukturen wegfallen und Menschen plötzlich nur noch an ihr eigenes Überleben denken. Gerade dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Denn wie würde man selbst handeln, wenn man alles verlieren würde und es keine Regeln mehr gäbe, auf die man sich verlassen kann?
Die Geschichte ist spannend geschrieben und lässt sich angenehm flüssig lesen. Ich war schnell drin und wollte wissen, wie sich die Situation weiterentwickelt. Besonders interessant fand ich, dass es nicht nur um Gewalt und ums Überleben geht, sondern auch um die moralischen Grenzen der einzelnen Figuren. Was ist richtig und was ist falsch, wenn man selbst in einer ausweglosen Situation steckt? Und wann wird aus Gerechtigkeit eigentlich Rache?
Gleichzeitig fand ich es interessant, dass Nesbø nicht einfach zwischen eindeutig guten und bösen Menschen unterscheidet, sondern zeigt, wie sehr äußere Umstände und persönliche Entscheidungen miteinander verwoben sind.
Ein paar Dinge haben mir allerdings auch gefehlt. Da die Geschichte recht kurz ist, hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht, dass die Figuren etwas mehr Raum bekommen. Einige Entwicklungen gingen mir fast ein bisschen zu schnell, und ich hätte gerne mehr über die Gedanken und Gefühle der Charaktere erfahren. Gerade bei einer Geschichte, die so viele schwierige Themen aufgreift, wäre meiner Meinung nach noch einiges an Tiefe möglich gewesen.