
Besprechung vom 26.01.2026
Mit Waschpulver zum Weltkonzern
150 Jahre Henkel: Glanz, Schuld und Zukunftsfragen
Am 26. September 2026 kann der Düsseldorfer Wasch- und Reinigungsmittelproduzent Henkel auf sein 150-jähriges Bestehen zurückschauen - eine stolze Frist, bei der kaum ein anderes deutsches Unternehmen mithalten kann. Nicht nur Persil, Perwoll und Pril, Pattex und Pritt gehören zum Markenkosmos des seit 1988 börsennotierten Dax-Konzerns, auch die Haarpflege von Schwarzkopf sowie die einträgliche Klebstoffsparte mit wachsendem Bedarf aus der Industrie. Aufschluss über das vielseitige Angebot und die bewegte Historie der Henkel AG & Co KGaA bietet jetzt eine umfangreiche Firmenbiographie. In einem Drittmittelprojekt an der Universität Bonn erforschte der dortige Professor für Neuere und Neueste Geschichte Joachim Scholtyseck die Firmengeschichte. Der versierte Spezialist für Porträts deutscher Familienunternehmen hat bereits Bücher zu Quandt, Merck und Freudenberg veröffentlicht.
Der Historiker sieht auch bei Henkel die Bewahrung des Familienvermögens und die Weitergabe des Fachwissens im Mittelpunkt unternehmerischen Bemühens. Als Credo des Konzerns zitiert er: "Firma vor Familie, langfristige Rentabilität und Reinvestition ins Geschäft vor überhöhten Dividenden und Ausschüttungen". Die Erfolgsfaktoren für das kontinuierliche Überleben von Henkel sind nach Meinung des Autors "strategische Beweglichkeit, Pioniergeist, Beharrlichkeit, Geschick, Durchhaltevermögen, Optimismus und Kommunika-tionsfähigkeit". Auch glückliche Zufälle haben dazu beigetragen.
In vier Teilen schildert der Historiker chronologisch die Entwicklung zum Weltkonzern. Zunächst widmet er sich den Anfängen des von Friedrich Karl "Fritz" Henkel in Aachen gegründeten Unternehmens für Universalwaschpulver von 1876 bis 1930, das bald nach Düsseldorf umzog. Henkel profitierte schnell vom wirtschaftlichen Aufstieg des deutschen Nationalstaats und der Nachfrage nach Konsumgütern. Der junge "dynamische Unternehmer im Schumpeter-Sinn" brachte 1907 Persil als "selbsttätiges" Waschmittel auf den Markt. Es ist bis heute das populärste Aushängeschild des mittlerweile stark diversifizierten Industrieimperiums, das vor allem als Weltmarktführer der immer stärker begehrten Kleb- und Beschichtungsstoffe reüssiert, aber auch mit bekannten Alltagskonsummarken viel Geld verdient. Scholtyseck skizziert Erfolge und Krisen, kluge Entscheidungen und Flops. Und Schreckensjahre wie 1930, als es nach dem Tod von Fritz Henkel und seinem ältesten Sohn zu Führungsproblemen in der Firma kam - simultan mit der Weltwirtschaftskrise und gleichzeitig mit einer Übernahmedrohung durch den Konkurrenten Unilever. Kurz danach folgten die NS-Diktatur und Henkels unrühmliches Arrangement mit dem Hitler-Regime. Doch spätestens im "Wirtschaftswunder" brachen für Henkel erfreuliche Zeiten an. Heute hat der Konzern 47.150 Mitarbeiter in 75 Ländern und erwirtschaftete 2024 bei einem Umsatz von 21 Milliarden Euro rund 3,1 Milliarden Euro Gewinn. Scholtyseck verhehlt seine Bewunderung für den Aufstieg nicht.
Die Familie bleibt bis heute prägend. Sie zählt 200 Mitglieder, verfügt über 60 Prozent der Aktien und agiert bereits in der fünften Generation. Dass Henkel schon früh auf Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Mitarbeiterfürsorge achtete und nach dem Angriff auf die Ukraine sein Russlandgeschäft aufgab, hat sicher mit Druck aus diesem inneren Kreis zu tun. Vermutlich wirkt das Bewusstsein der familiären Verstrickung in die Nazizeit bis heute nach. "Die Negativfigur in der Henkel-Geschichte ist Werner Lüps, ein glühender Nationalsozialist, der sich brutal gegen andere Familienmitglieder wie Hugo Henkel durchsetzte", urteilt Scholtyseck. Gründer-Enkel Lüps boxte sich 1938 vorbei an seinem Onkel Hugo an die Spitze und pflegte intensive Kontakte zu NS-Größen wie Hermann Göring. Im zweiten Teil des Buches beleuchtet der Autor kritisch die Folgen - wirtschaftliche Verflechtungen im Zweiten Weltkrieg, Beteiligungen an "Arisierungen" und Zwangsarbeit. Scholtyseck, der sich 1998 mit "Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen den Nationalsozialismus" habilitierte, merkt an, dass auch bei Henkel die NS-Zeit lange ein Tabuthema war. Erst ab der Jahrtausendwende habe man sich um mehr Transparenz zunächst zur Geschichte der Zwangsarbeiter im eigenen Haus bemüht. "Meine Forschung legt nun Henkels Verstrickung in die Arisierung von jüdischen Betrieben offen. Hier hat Henkel mitgemacht, wenn auch über Tochterfirmen . . . Das nach 1945 aufgebaute Image, sich dem Nationalsozialismus nicht gebeugt zu haben, ist weitgehend eine Lüge."
Grundsätzliches Lob dagegen gibt es von Scholtyseck für Henkels Entschluss 1988 zur organisatorischen Kombination aus Familienunternehmen und börsennotierter Kapitalgesellschaft. Der Schritt habe erfolgreich den Weg ins 21. Jahrhundert gebahnt. Seine Biographie endet mit der Frage, ob die Firma auch künftig noch Familienunternehmen bleibt oder bloß ein Unternehmen in Familienbesitz sein wird. Für das 881-Seiten-Opus braucht der Leser einen langen Atem, der Text ist aber angenehm lesbar. Appetit auf die Lektüre macht die beschwingte "Weiße Dame" auf dem Cover. Die ikonische Werbefigur im makellosen Sommerkleid, 1922 vom "Simplicissimus"-Zeichner Kurt Heiligenstaedt entworfen, verteidigt mit der rechten Hand ihren ausladenden Hut gegen Wind und offeriert mit der linken eine Packung Persil. ULLA FÖLSING
Joachim Scholtyseck: Henkel. Vom Waschmittelhersteller zum Weltunternehmen, C. H. Beck, München 2026, 881 Seiten
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