Der titelgebende Abschiedssommer ist der Sommer 1959. Der 18jährige Gustav Hasse, Alter Ego des Autors, verbringt ihn größtenteils auf einem Campingplatz an der Geltinger Bucht. Abends spielt er am Piano mit seiner Schülerband Die Flamingos in der Neuen Harmonie. Mit Swing und RocknRoll heizen sie den Jugendlichen ein. Neben der Musik ist ihm Johanna wichtig, Freundin schon seit Kindheitstagen. Nun sind die beiden ein Paar, doch im Moment steht eine Ohrfeige zwischen ihnen. Gustav hat aus Eifersucht zugeschlagen und nun weiß er nicht, wie er sich verhalten soll.
Es sind vordergründig typische Probleme Jugendlicher, das alles aber vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das Ende des Krieges liegt zwar schon 14 Jahre zurück, doch die Auswirkungen der Nazi-Zeit sind noch überall spürbar; sie sind v.a. präsent in den Seelen und Köpfen der Figuren. Jeder ist geprägt davon. Gustav selbst ist Vollwaise, lebt seit Jahren bei seiner Tante Gret in Solsbüll. Sein Vater fiel schon im August 1941 in Russland, seine Mutter starb bei einem Bombenangriff auf Hamburg. Johanna stammt ursprünglich aus Königsberg. Gemeinsam mit ihrer Mutter Claude und Großmutter Agnes strandete sie im April 1945 in Flensburg. Diese Stadt im äußersten Norden Deutschlands und weitab von der anrückenden Roten Armee war Ziel zahlreicher Flüchtlinge. Innerhalb weniger Monate hatte sich die Einwohnerzahl von 45.000 auf über 100.000 erhöht.
Besonders bewegend ist das Schicksal von Lidia. Gustav hat sie vorigen Sommer im Kinderschiff , einem Erholungsheim für Kinder an der Geltinger Bucht, kennengelernt. Lidia ist ein sog. Suchkind, wie es zu Kriegsende viele gab. Kinder, die durch Flucht und Vertreibung von ihrer Familie getrennt wurden; sie kannten oft ihren Namen nicht und waren ohne Papiere. Organisationen wie der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes versuchten die Kinder mit Hilfe von Fotos und Suchmeldungen in den Zeitungen und im Rundfunk wieder mit ihren Eltern oder Verwandten zusammenzubringen.
Flensburg ist aber nicht nur das Ziel derer, die unter den Folgen von Nazi-Herrschaft und Krieg leiden. In Flensburg hatte nach Hitlers Tod dessen Nachfolger Großadmiral Dönitz zwei Wochen lang seinen Regierungssitz, bis die Engländer die Regierung auflösten und Dönitz verhafteten.
Und hierher war auch Gerhard Fritz Hensel, ein Maler aus Dresden geflüchtet, der sich später mit seinen Gemälden v.a. in Norddeutschland einen Namen machte. Hensel war Gustavs Kunstlehrer an der Goethe- Schule. Jahrzehnte später erst muss Gustav von einem alten Freund erfahren, wer dieser Hensel tatsächlich war: Der Schwager des Lagerkommandanten Höß, der die Familie Höß in Auschwitz besucht und dort gemalt hat. Gustav ist schockiert und fragt sich, warum er davon nichts gewusst hat. Das deutsche Thema, meint der Freund.
So lauert hinter vielem noch die dunkle Vergangenheit, das zeigt Missfeldt auch symbolisch an einem Geschirrservice, das Lidia bei Gustav deponiert. Die Teller sehen von oben wie ganz normale Teller aus. Dreht man sie aber um, erkennt man das Hakenkreuz auf der Rückseite.
Missfeldt fängt außerdem sehr gut die Atmosphäre jener Zeit ein. Da wird Kikeri getrunken, die Damen werden nach den Tanzveranstaltungen von den Herren nach Hause gebracht, wo hinter den Fenstern schon die besorgten Eltern lauern. In den Buchhandlungen liegt der neue Roman von Günter Grass.
Wichtiger aber ist dem Autor zu zeigen, wie stark dies eine Zeit des Verdrängens und Verschweigens war. Gustav ist neugierig, will die Vergangenheit kennen, bekommt auf Nachfragen aber immer nur gesagt, er solle die alten Geschichten ruhen lassen. Lass uns nicht ungemütlich werden, Gustav. Wir wollen es doch schön haben.
Joachim Missfeldt packt seine Erzählung in eine Rahmenhandlung. Der alt gewordene Gustav muss sich einer Operation unterziehen. Auf die Frage, wie lange es wohl dauert, bis er wieder aufwacht, antwortet ihm der operierende Professor: Da passt ein Roman rein, wenn Sie so wollen. Und diesen Roman lesen wir hier. Das ermöglicht dem Erzähler, der sich narkotisiert erinnert, einige literarische Freiheiten. So finden sich in dem ansonsten realistischen Text fantastische Einschübe, wie eine Nils Holgersson nachempfundene Reise mit einer Möwe, in der Gustav aus der Vogelperspektive beobachtet und beschreibt. Die Fluchtgeschichte von Claude wird uns in Form einer nachgestellten Theaterszene dargeboten. Gedichte, Tagebucheinträge und Informationen zur Historie durchbrechen den Plauderton des Buches. Immer wieder mischen sich die verschiedenen Zeitebenen, Fakten und Erfundenes. Das ist raffiniert konstruiert, teilweise originell, aber auch anstrengend zu lesen und erschwert eine Nähe zu den Figuren.
Dagegen vermag der Autor mit poetischen Naturbeschreibungen zu überzeugen. Hier spürt man die Liebe Missfeldts zu seiner norddeutschen Heimat. Musik ist ein durchgängiges und verbindendes Element im Roman, auch das zählt zu den positiven Aspekten.
So ist Abschiedssommer ein kluger und eigenwilliger, nicht durchweg überzeugender Roman über Schuld und Verdrängung.
Abschiedssommer ist der abschließende Teil eines Romanzyklus, in dem Joachim Missfeldt von Gustav und seiner Familie und von den Bewohnern des fiktiven Örtchens Solsbüll erzählt, doch das Buch lässt sich als eigenständiges Werk lesen. Mag sein, dass der ein oder andere Lesende neugierig geworden ist auf die Vorläufer, falls er sie noch nicht kennt. Bereits 1989 ist sein großer Familienroman Solsbüll erschienen ( 2017 kam eine überarbeitete Neuausgabe heraus ), gefolgt von Gespiegelter Himmel ( 2001) und Steilküste ( 2005 ).
Mit Abschiedssommer verabschiedet sich nun der Autor vom Schreiben. Ideen hat er, nach eigenem Bekunden noch einige, aber mit 85 Jahren ist seine Kraft und seine Lebenszeit eingeschränkt.