Man muss sich darauf einlassen...
Während Gustav Hasse sich vor einer OP langsam in den narkotisierenden Dämmerschlaf begibt, keimen in ihm Erinnerungen an jenen Sommer auf, der für ihn von zentraler Bedeutung zu sein scheint: jener an der Geltinger Bucht im Jahre 1959. Der damals 18-Jährige durchlebte zahlreiche Emotionen, die durch Musik, seiner ersten Liebe und dem Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit geprägt sind.Soweit das Grundgerüst der Story. Die Geschichte adäquat zusammenzufassen, ist schier unmöglich, zu viele Schnipsel, Textformen und Begegnungen werden in dem Buch verarbeitet, um das große Ganze klar herausfiltern zu können. Zentral ist jedenfalls seine Beziehung mit der Jugendliebe Johanna, die jäh endet, nachdem ihr der Protagonist aus Eifersucht eine Ohrfeige verpasst. Dass die Liebesbeziehung damit ins Aus geschossen wurde, sickert aber nur ganz langsam in Gustavs Gehirn, langatmig werden seine Gedanken und Rechtfertigungen dazu ausgebreitet. Dazwischen passiert ganz viel und der Autor entschloss sich dazu, das Geschehene nicht linear und konventionell zu erzählen, sondern in Form von unterschiedlichen Textsorten und -Bausteinen. So können die Lesenden u.a. Theateraufführungen von Fluchttagebüchern oder imaginierte Flüge mit einer reimenden Möwe mitverfolgen. Hier immer den Zusammenhang zu erkennen, fällt wahrlich nicht leicht. Zweifelsohne ist diese Herangehensweise originell, führt aber mitunter zu Verwirrung und folglich auch zur Frustration. Passend dazu ist auch die verwendete Sprache, die zwischen literarischer, alltagstauglicher und ans Ordinäre anmutender Erzählweise schwankt.Durch die wohl bewusst gewählten Text- und Erinnerungssprünge, weist das Buch auch einige Brüche auf, die durchaus herausfordernd sind. So ist im letzten Viertel des Romans die Geschichte um Gustavs einst hochverehrten Kunstlehrer Hensel - einer real existierenden Person mit nationalsozialistischer Vergangenheit - zentral. Gustav (oder Missfeldt?!) erforscht hier, inwieweit der Maler Gerhard Fritz Hensel im Regime verankert war und muss zu seinem Entsetzen feststellen, wie tief diese reichte. So war Hensel regelmäßiger Gast bei seinem Schwager Rudolf Höß, dem Kommandanten des KZs Ausschwitz und portraitierte Gefangene. Die Frage, ob ein Bild von dem NS-Künstler offen ausgehängt werden soll oder nicht, entwächst sich zu einem verwirrenden Schlussakkord in der Geschichte.Die Figuren, die in "Abschiedssommer" auftauchen, sind allesamt recht unzugänglich. Besonders blass erscheint die Jugendliebe Johanna, die der Protagonist erzählenderweise nur sehr wenige und recht geistlose Worte in den Mund legt. Mehr Charakter weist da schon ihre Mutter Claude auf, die immer wieder eine wichtige Rolle spielt. Zurecht nervig sind jene, die von allem nichts gewusst haben wollen und die durch humorige Bemerkungen einen fahlen Beigeschmack hinterlassen. Ansonsten trifft der Autor den Zeitkolorit der endenden 1950er Jahre recht gut, besonders durch die Schilderungen über die Auftritte von Gustavs Band "Die Flamingos", ebenso die stets schwelenden Nachwirkungen des Dritten Reichs auf jene, die es miterlebt haben. Und dann ist da noch das Miederbusiness, das immer wieder Erwähnung findet - aus welchen Gründen auch immer - informativ ist es jedenfalls.Abschiede spielen, wie der Titel vermuten lässt, eine Rolle, in unterschiedlicher Weise: seien es Abschiede von Personen, von verdrängten Erinnerungen, von Verehrungen, von lebenslangen Beziehungen, von kurzen Begegnungen, von konventionellen Erzählsträngen, von Ignoranz und schließlich auch von einem Sommer, der im Angesicht von narkotisierenden, medizinischen Drogen kurzzeitig das Gedächtnis wiedererreichte. Ein hundertprozentig zufriedenstellendes Leseereignis war das Buch für mich nicht, aber das kann auch daran liegen, dass ich keinen anderen Teil der "Solsbüll"-Reihe von Jochen Missfeldt kenne, dessen Abschluss vorliegendes Buch darstellt. Einige interessante und originelle Ideen kann es aber durchaus auch ohne Vorkenntnisse vorweisen.