Johanna Sebauers Popóm ist ein Roman gelungen, der mich in seiner Absurdität, aber auch der dahinterliegenden Ernsthaftigkeit lange beschäftigt hat - ein Roman wie ein Spiegelkabinett, in dem jede Drehung eine neue, leicht verzerrte Version des eigenen Gesichts freigibt. Und mittendrin steht der Ich-Erzähler Hendrik, ein junger Mann, der sich selbst begegnet, ohne zunächst zu wissen, ob er sich erkennt.Auf eine Inhaltsangabe verzichte ist, die kann man überall lesen, nur ist sie nicht das Wichtigste, um zu sehen, worauf man sich einlässt.Sebauer baut ihre Geschichte auch nicht wie ein klassisches Narrativ, sondern wie ein Gedankenspiel auf, das sich langsam verdichtet. Die Begegnung zwischen Hendrik und seinem älteren Ego ist kein direkt phantastisches Ereignis, sondern eher ein poetischer Riss in der Wirklichkeit - ein Moment, in dem die Zeit kurz den Atem anhält.Der Name Popóm, mit seinem wandernden Akzent/accont aigu, spiegelt dabei das zentrale Thema des Romans: Eine verunsichernde Gesellschaft und in ihr die (mitunter überbetonte) Suche nach Selbstoptimierung und Identität. Und die ist verschiebbar, doppeldeutig und manchmal sogar ein bisschen albern. Der Akzent ist wie ein kleines, bewegliches Zeichen dafür, dass Identität nie stillsteht.Was Form und Sprache angeht, beherrscht Sebauer die Kunst der leichten Schwere. Ihre Sprache ist leicht, aber nie belanglos. Sie benennt die Dinge schlicht, aber ohne sie zu verharmlosen. Hendrik erzählt von sich mit einer Mischung aus Ironie, Verwirrung und zarter Selbstverachtung - eine Stimme, die sich selbst ständig unterläuft und dadurch umso glaubwürdiger wird.Der Humor ist fein, fast musikalisch. Er entsteht aus dem Rhythmus der Sätze, aus kleinen Verschiebungen im Blick, aus der Art, wie Hendrik sich selbst beobachtet, ohne zu erkennen, was er sieht.Unter der spielerischen Oberfläche liegt eine aber auch eine stille Melancholie. Hendriks Arbeitswelt z.B. - die Kreativagentur, die Meetings, die leeren Versprechen - wirkt wie ein Nebel, in dem er sich verliert. Sebauer zeichnet eine Generation, die sich im Glanz der Möglichkeiten erschöpft hat und nun vor der Frage steht, wer sie eigentlich sein will.Der Doppelgänger wird hier aus meiner Sicht neu interpretiert, er ist kein Schreckgespenst wie bei klassischen Autoren, sondern eine Aufforderung: Schau Dich an! Erkenne dich! Oder erkenne wenigstens, dass du dich nicht erkennst.Allein die Leichtigkeit, mit der die Autorin mit der Doppelgängertradition zu spielen scheint, ist beeindruckend, sie entstaubt dieses alte literarische Motiv. Ihr Doppelgänger ist kein Schatten, kein Dämon, kein metaphysisches Rätsel. Er ist eine Möglichkeit. Eine Zukunft. Hoffnung gegen die Machtlosigkeit in historisch schwierigen Zeiten, Hoffnung auf Selbstwirksamkeit.FazitPopóm ist ein Roman, der mir die Beschreibung und Bewertung nicht leicht gemacht hat, in gewisser Weise weigert er sich, eindeutig zu sein.Er ist verspielt und ernst, leicht und tief, komisch und existenziell zugleich. Er zeigt, dass Identität kein festes Gebilde ist, sondern ein wandernder Akzent, ein Spiegel, der sich bewegt, mindestens in drei Teilen spiegelt wie der Kommodenspiegel meiner Großmutter, den ich so sehr mochte. Auch diese Geschichte mochte ich spontan sehr, ohne sagen zu können, warum genau.Denn Johanna Sebauer hat ein Buch geschrieben, das nicht nur gelesen, sondern gespürt werden will - ein Roman, der die Frage stellt, wie viele Versionen eines Menschen gleichzeitig möglich sind, um der Komplexität unserer Welt zu begegnen, und der uns nachdenklich wie mit einem Lächeln zurücklässt, weil die Antwort immer ist: in jedem Fall mehr als eine.