
Besprechung vom 28.09.2024
Ein süßes Erdbeben war im Gang
Aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens und ideale Muse: Der 2019 verstorbene Dichter John Giorno erzählt in seinen Memoiren vom schwulen Leben und der Kulturszene im New York der Sechziger- bis Achtzigerjahre.
Im Winter 1968/69 liefen in einem Büro der Architectural League of New York die Telefonleitungen heiß. Der Dichter John Giorno, damals Anfang dreißig, hatte ein bahnbrechendes Projekt auf die Beine gestellt. Mit Unterstützung der League, die innovative Kunst förderte, hatte er mehrere Telefone in das Büro gestellt, die jeweils mit einem Anrufbeantworter verbunden und alle unter derselben örtlichen Rufnummer zu erreichen waren. Wer die Nummer wählte, hörte einen von mehreren kurzen Texten, verfasst und gelesen von Literaten und Künstlern.
Das Telefon wurde zur Bühne für Poesie, zugänglich für jedermann und von überall, bei Tag und bei Nacht. Giorno hatte alle Texte vorab aufgezeichnet und tauschte die Bänder der Anrufbeantworter täglich aus, da eines in der Regel nur einen Text fassen konnte. Per Zufall wurde mal das eine und mal das andere Band abgespielt, zu hören waren die Stimmen von Allen Ginsberg, Ikone der Beat-Generation, des Avantgarde-Komponisten John Cage oder des späteren Pulitzer-Preisträgers John Ashbery.
"Die unendliche Vielfalt großartiger Poesie weckte ein unstillbares Verlangen nach mehr, und die Leute riefen wieder und wieder an", so John Giorno. "Dial-a-Poem" wurde 1970 als Installation in einer Ausstellung im MoMA gezeigt und ist heute Teil der Sammlungspräsentation des Hauses. Nachlesen kann man die Entstehungsgeschichte des Projekts in Giornos Autobiographie, die 2020 in den USA erschien und nun auf Deutsch vorliegt.
Darin erzählt der 2019 verstorbene Künstler nicht nur davon, wie er fortwährend nach unkonventionellen Wegen suchte, um Poesie unters Volk zu bringen. Er liefert auch und vor allem ein Zeitbild der Kunst- und Kulturszene und des schwulen Lebens im New York der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre - mit allerlei pikanten Details. Giorno kannte sie fast alle, die kleinen und großen Protagonisten der Avantgarde, mit einigen von ihnen führte er Beziehungen, landete er im Bett oder auf der Herrentoilette: Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Keith Haring, William S. Burroughs.
Über seine Liaison mit Warhol zwischen Frühjahr 1963 und Herbst 1964 schreibt Giorno: "Jeden Morgen schmiedeten wir am Telefon einen Plan für den Tag. Ich holte ihn (...) ab und zusammen gingen wir zu Eröffnungen, Happenings, Underground-Filmen, Partys. Es war so viel los, der Beginn der Pop Art, ihre frischste, stärkste Zeit (...)" Sein Gefühl sagte ihm, dass er mitmischen sollte, denn ein "süßes Erdbeben war im Gang".
Giorno ist immer wieder dabei, wenn Kunstgeschichte geschrieben wird. So macht Warhol ihn beispielsweise zum Star - und einzigen Darsteller - seines legendären Films "Sleep", der fünfeinhalb Stunden lang nichts als den schlummernden nackten Geliebten zeigt. Giorno erlebt mit, wie 1963 Warhols "Double-Elvis"-Bilder entstehen, die den King of Rock 'n' Roll lebensgroß mit gezückter Pistole auf schimmernd-silbernem Grund zeigen. Im Oktober 1966 wirkt er an dem legendären Medienkunst-Event "9 Evenings" mit, bei dem unter Leitung von Robert Rauschenberg und dem Elektroingenieur Billy Klüver Kunst und neueste Technologien miteinander verschmelzen.
John Giorno ist gesellig, unterhaltsam, hilfsbereit, mitfühlend, sexy. Und er stellt eigene emotionale Bedürfnisse oft zurück. Das macht ihn für so manchen selbstbezogenen Künstler, den er ernsthaft liebt, zur idealen Muse. Die Beziehungen enden oft traurig: Giorno wird verlassen und später, so sagt er, aus den Geschichten seiner Liebhaber entfernt.
Ausführlich schildert der Autor den massiven Drogenkonsum innerhalb der Kunstszene, und er lässt den Leser en détail an seinem exzessiven Sexleben teilhaben - was passagenweise auch befremdet. Mit der Zeit begreift man jedoch, dass das explizite Schreiben - etwa über Telefonsex mit Robert Rauschenberg, explosive Samenergüsse oder den "weichen" Anus von William S. Burroughs - für Giorno ein Akt der Befreiung war.
Er wuchs auf in einer Zeit, in der Schwulsein ein Verbrechen war, erlebte Prüderie, starke Homophobie und das Schweigen vieler über die eigene sexuelle Orientierung. Seine große Liebe Robert Rauschenberg habe eine unausgesprochene Regel gehabt, "die besagte, dass, unter Androhung der Exkommunikation und des Zorns der Hölle, niemand über sein Schwulsein schreiben durfte, und niemand tat es. Ich verstehe, warum." Schwul zu sein, das sei der "Kuss des Todes" gewesen. "Natürlich war er ein großer Künstler", heißt es weiter, "und Künstler dürfen machen, was sie wollen. Genauso, wie ihm zugestanden werden muss, nicht über das Schwulsein zu sprechen, ist mir erlaubt, es im Detail zu beschreiben."
Giorno hat das Zeitgeschehen aufmerksam beobachtet, er protestierte gegen Luftverschmutzung oder den Vietnamkrieg, wurde Anhänger des tibetischen Buddhismus und engagierte sich im Zusammenhang mit der Aids-Epidemie. Viele seiner Freunde starben; dem selbsternannten "heldenhaften Verfechter des goldenen Zeitalters der Promiskuität" schien es, als seien alle Kämpfe um freie Liebe und Sexualität umsonst gewesen. 1984 gründete er das AIDS Treatment Project, das bis in die frühen 2000er-Jahre Menschen, die erkrankten, finanzielle Unterstützung bot.
Giornos Memoiren erstrecken sich bis in die Gegenwart und enden fröhlich: mit der späten Liebe zum Schweizer Künstler Ugo Rondinone. 2015 widmete Rondinone dem Geliebten und seiner Arbeit eine Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris. 2017, als Giorno achtzig war, heirateten er und Rondinone. "Schwule (hatten) das schon seit Jahren getan, und es war ganz normal geworden", schreibt Giorno, aber "für mich schien das immer noch ein Wunder." KATHARINA RUDOLPH
John Giorno: "Große Dämonenkönige". Ein Leben voller Sex, Kunst, Poesie, Tod und Erleuchtung.
Aus dem Englischen von Urs Engeler. Secession Verlag, Berlin 2023. 380 S., Abb., geb.
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