Der Plot von Juli Zehs neuem Roman Pony Show ist schnell erzählt: Betty Hell ist eine Ikone der Kultur-Elite, Leiterin eines renommierten Literaturverlags, Stammgast bei Premieren, Talkshows und Preisverleihungen. Beneidet, gefürchtet, geliebt. Und über fünfzig. Ein Alter, in dem Frauen sich zwischen Glück und Würde entscheiden müssen, wie es an einer Stelle des Romans heißt. Bettys Glück heißt Fero, ist Praktikant im Verlag, geistreich, witzig, talentiert und Mitte zwanzig.
Als Fero spurlos verschwindet und Betty an der Grenze mit einer Waffe und einem Koffer voller Falschgeld aufgegriffen wird, beginnt die Staatsanwaltschaft zu ermitteln. Die sogenannte Loverboy-Affäre wird zum Medienspektakel, in dem sich die gesellschaftlichen Orientierungskämpfe spiegeln. Bis zur letzten der rund 500 Seiten bleibt die Wahrheit in Bewegung: Wer manipuliert wen, wer erzählt welche Geschichte und mit welchem Interesse?
Juli Zeh erweist sich auch in Pony Show als Meisterin der kritischen Beobachtung von Gegenwartsphänomenen: strukturelle Benachteiligung, postfeministische Debatten, mediale Aufregungskultur. Dabei zeigt sich, wie schwer weibliche Selbstbestimmung von den öffentlichen Bildern zu trennen ist: Eine Frau kann mächtig und verletzlich, verantwortlich und zugleich Opfer gesellschaftlicher Zuschreibungen sein. Wer darf sich was erlauben, und wer muss sich wofür rechtfertigen? Das Feuilleton rezensiert den Roman als zu schablonenhaft, zu sehr auf Bestsellerwirkung bedacht. Das kann man so sehen. Mich überzeugt an Pony Show gerade der Versuch, Bettys Widersprüche nicht vorschnell aufzulösen. Ihr Roman ist ein Plädoyer dafür, dass sich Wahrheit nicht immer sauber sortieren lässt und dass gerade darin eine Herausforderung für unsere auf Empörung und Urteil gepolte Öffentlichkeit liegt.Das ist keine kleine Leistung. Bravo, Juli Zeh!