Mal abgesehen davon, dass die Sexszenen dort einen geradezu malträtierenden (meinetwegen realistischen) Charakter haben, war ich zunächst ein Fan der Filmversion von "Blau ist eine warme Farbe". Mir gefiel, dass es darin nicht nur um sexuelle Ausrichtung oder lesbische Wirklichkeit geht, sondern dieses größere Thema sich gut über andere Lebensthemen wie Berufung, Familie, Kunst vs. gewöhnlicher Job, Leidenschaft und Beziehungsverständnis, Unterschiede und Ähnlichkeiten von Charakterzügen und einiges andere geht. Wie sich Stück für Stück aus der Liebesgeschichte die Persönlichkeit von Adele herausschält, wie sie Fehler macht, ihre Sehnsüchte zu kontrollieren versucht, unverstanden bleibt, das ist teilweise großes Kino.Ich war nicht darauf gefasst, dass die Geschichte mich noch einmal, diesmal auf ganz andere Weise berühren könnte. Auf die Zartheit, Tragik und melodramatische Tiefe des Originalcomics war ich nicht vorbereitet. Sie hat mich umgehauen.Die Geschichte des Comics ist in vielen Facetten eine andere als die des Films (und selbst dort, wo die gleichen Aspekte auftauchen, werden sie anders eingesetzt und haben meist eine andere Konsequenz) und nutzt das Medium der Graphic Novel gut für diese neue Erzählausrichtung. (Teilweise hat es mich an Fun Home erinnert, weil sich auch dort die Zeitlinien übereinanderlegen.) Im Ganzen wird aus der Geschichte mehr eine Art Melodram, die sich die ganze Zeit mehr um die Verwirrung der Gefühle und die verqueren Beziehungsverhältnisse der beiden dreht. Auch ist die Geschichte kürzer und wird anders erzählt, nämlich durch Tagebucheinträge.Trotz all dieser Anmerkungen, bleibt zum Schluss die schlichte Empfehlung: Lesen! Mir ist herzlich egal, was man diesem Comic alles unterstellen könnte: es ist zeichnerisch, aber auch von der Story her ein sehr berührendes und schön komponiertes Kunstwerk, das man bestimmt öfter und immer wieder gern lesen wird. Tieftraurig, wahr und großartig.