Winterlicher Cozy-Read wandelt sich zu Soft-Thriller
Wenn man bedenkt, wie schnell ich das "Wolkenschloss" verschlungen habe, müsste ich eigentlich volle Punktzahl geben: Ich habe die Lektüre geliebt und mich im Wolkenschloss, dem in die Jahre gekommenen Familienhotel in den schweizer Alpen, sofort wohlgefühlt. Nicht zuletzt dank Hauptprotagonistin Fanny Funke, Jahrespraktikantin und Schulabbrecherin aus Achim bei Bremen, 17 Jahre alt, keck, clever und sympathisch ab der ersten Seite. Aber auch dank des illustren Personals im Hotel und der noch illustren Gästeschar, die kurz vor Weihnachten und dem Jahreswechsel eintreffen. Auch das Hotel selbst versprüht einen magischen Charme und bietet unheimlich viel zu entdecken. Erker, Winkel, geheime Treppen und Räume, Keller, Küche, Bibliothek, Ballsaal, Ställe und einen in die Jahre gekommenen Wellnessbereich.Kurz gesagt, der Roman zieht seinen Erfolg aus Atmosphäre, Kulisse und den Figuren. Es ist winterlich, kuschelig, spannend und heimelig zugleich, man möchte einfach mit Fanny den Hotelalltag und das Hotel und seine vielen Winkel, Zimmer und Geheimngänge entdecken und mehr über seine Geschichte und seine Bewohner erfahren und sich verlieben wie ein junger Teenager.Von der Handlung her, passiert eigentlich erstmal gar nicht viel und mir war bis kurz vor Ende des Buches überhaupt nicht klar, wohin die Autorin mit der Geschichte will (es hätte eine Dreiecks-Romance-Lovestory, ein Thriller, eine fantastische Geschichte um das Hotel selbst werden können, alles erschien möglich und für alles gab es Anlagen). Erst im letzten Drittel nimmt die Handlung endlich Fahrt auf und ein unvorhergesehener Plottwist reißt aus dem Hotelalltag. Aber dann geht es auch schon Schlag auf Schlag, endet dann aber leider auch wieder sehr plötzlich, weil die Hauptprotagonistin das große Finale und den Showdown quasi bewusstlos verpasst. Schade eigentlich, irgendwie das Potential nicht entfaltet (das zudem rückblickend ganz schön aufwendig konstruriert wurde und auf vielen Zufällen oder ungeklärten Begebenheiten beruht).Irgendwie also nicht das, was ich von Kerstin Gier kenne und gewohnt bin - der Handlung fehlt der roten Faden auf weiten Strecken, auch wenn die Autorin weiß, wie sie Spannung aufbaut und Atmosphäre erzeugt und uns die Figuren sympathisch werden lässt und allerlei Andeutungen macht, dass im Wolkenschloss nicht alles mit rechten Dingen zugeht.Trotzdem bin ich am Ende nicht enttäuscht, habe das Buch verschlungen und genossen und bleibe mit einem warmen Lesegefühl im Bauch zurück - bester Ersatz für einen Hotelurlaub in den schweizer Alpen, den man zu dem Preis finden kann.