
Sechs Frauen, ein Kampf: Der große Roman aus Südkorea über den sozialen Druck, der auf Frauen lastet, Mütter zu werden
Munjeong und ihre fünf Mitstreiterinnen lernen sich in der Baby-Angel-Fruchtbarkeitsklinik in Seoul kennen. Sie alle sind getrieben von dem Wunsch nach einem Baby, der sich auf natürliche Art nicht erfüllen will. »Hello Baby« heißt der Gruppenchat, in dem sie sich gegenseitig beistehen. Bis eine von ihnen, die 46-jährige Jeonghyo, plötzlich offline geht und spurlos verschwindet. Ein Jahr später taucht sie auf mysteriöse Weise mit einem Baby wieder auf . . .
Sechs unfruchtbare Frauen finden sich im blinden Fleck der Gesellschaft wieder, ihr Kampf schweißt sie in einer Freundschaft wider Willen zusammen. Ein bewegendes Porträt darüber, was es bedeutet, heute Frau zu sein und sich Erwartungen in patriarchalen Gesellschaften zu widersetzen.
»Dieser Roman fängt Momente der Sehnsucht ein, die Enttäuschung, die darauf folgt, und die Freundschaft, die danach bleibt. « Seo Yoo-mi
Besprechung vom 11.11.2025
Dubioser Dr. Koh
Empathie mit Embryonen: Kim Eui-kyungs literarischer Erfahrungsbericht aus einer koreanischen Kinderwunschklinik
Wenn mir jemand die Frage stellt, warum ich ein Baby zur Welt bringen möchte, finde ich keine Worte. Ich möchte es treffen. Mehr fällt mir nicht ein. Und sollten wir uns jemals treffen, möchte ich dem Baby einfach in die Augen schauen und es begrüßen." Die 1978 geborene koreanische Schriftstellerin Kim Eui-kyung, die mit Prekariats-Prosa wie "Jugendinsolvenz" (2014) oder "Call Center" (2018) bekannt wurde, liefert auch in ihrem im Original 2023 erschienenen Roman "Hello Baby" eine aufrüttelnde Realsatire der Gesellschaft ihres Landes - als Hommage auf die Unfruchtbaren in einer auf Reproduktion getrimmten kapitalistischen Welt. Kim erzählt vom sozialen Druck, Kinder zu gebären in einem kinderfeindlichen Umfeld und Berufsleben: 2020 wurde der weltweite Negativrekord von 0,84 Geburten pro Frau erreicht. Neben der radikalen "4B"- oder "Four Nos"-Bewegung (kein Sex, keine Geburt, kein Dating, keine Ehe) gibt es einen allgemeinen Trend zur späten Heirat und Geburt.
"Hello Baby" ist der Name einer Chatgruppe von Patientinnen der fiktiven Kinderwunschklinik "Baby Angel" in Seoul, Koreas größter Klinik für In-vitro-Fertilisation (IVF), an der unter anderem der "Fruchtbarkeitsgott" genannte Dr. Koh tätig ist, und "eine der Top-3-Einrichtungen weltweit". Der Chat behandelt Themen wie "Gebärmutter, Sex, Schwiegereltern und vieles mehr". Dreh- und Angelpunkt der Geschichten "über das Leben vor der Schwangerschaft" ist aber die Klinik.
Das Buch versammelt sechs Chatterinnen und Mitstreiterinnen in Sachen späten Mutterglücks in ihren Dreißigern und Vierzigern mit unterschiedlichen Herkünften und Lebensentwürfen. Jedem Kapitel ist, an Patientenakten erinnernd, Name und Alter der Schwangerschaftsaspirantin vorangestellt. Da ist etwa eine freie Journalistin, die angesichts fünf Eizellentnahmen und acht Embryotransfers wegen des wenig mitfühlenden Gatten die Ungerechtigkeit des schmerzhaften weiblichen und geringfügigen männlichen Beitrags zur Elternschaft anklagt. Oder eine Polizistin, die sich wegen ihres harten Jobs nach einer stabilen Familie sehnt und emotional mit einem Embryofoto spricht. Oder die Tierärztin, die von social freezing und Samenspende als zukünftigem partnerlosen Glück und einziger Option im Patriarchat träumt.
Es sind berührende Geschichten über schwierige Schwangerschaften, Schuldgefühle, Fehlgeburten und Mutterliebe. Inwon Park hat sie empathisch, qualitätsvoll und lebensnah übersetzt. Die Heldinnen schwanken zwischen Selbstbestimmung, den Zwängen der Arbeitswelt - trotz gesetzlich geregelter IVF-Urlaubstage werden diese wegen Repressalien am Arbeitsplatz oft nicht eingelöst - und der Macht von Schwiegermüttern, die vehement Nachwuchs einfordern. Eine Wendung erfährt der Plot, als die sechsundvierzigjährige "IVF-Veteranin" Jeonghyo nach fünfzehnjähriger erfolgloser Behandlung auf natürlichem Weg schwanger wird und die ebenso erfreuten wie neidischen Chat-Mitglieder zur Baby-Party einlädt.
Kim erörtert das Tabuthema Unfruchtbarkeit weniger als persönliches denn als ein gesellschaftliches Problem. Nebenbei vermittelt sie ethische Fragen und die Geschichte der Retortenbabys bis hin zur Reproduktion im Internet- und Jetset-Zeitalter mit Phänomenen wie Mütterforen, Fruchtbarkeitsvorträgen durch umschwärmte Frauenärzte auf Youtube und IVF-Tourismus nach Südkorea. Der Leser erfährt auch viel über koreatypische Aspekte wie Wettbewerbsgesellschaft, "Bildungsfieber" und Fankultur.
Weibliche Schicksalsgemeinschaften, Solidarität und Schwesternschaft sind die Themen in Kim Eui-kyungs großem feministischem Roman. Zwischen gynäkologischer Fachliteratur, Belletristik und Slapstick - wenn die Heldin Jiun einen Stickstofftank mit eingefrorenen Spermien ihres unfruchtbaren Mannes durch die Seouler U-Bahn laviert - schildert Kim ebenso lautstark wie subtil die "Kinderwunsch-Odyssee" koreanischer Frauen. Sie arbeitet mit biblischen Anspielungen und Analogien zwischen IVF und der Jungfrauen-Empfängnis Marias sowie feministischen Neuschreibungen koreanischer Mythen. Dass Korea umdenkt in puncto vielfältiger Familienformen, zeigen aktuelle Debatten um die Reality-TV-Persönlichkeit und freiwillige Single-Mutter Sayuri, die ihr Kind dank einer Samenspende gebar.
Den sechs Romanheldinnen gelingt es zuletzt - jeder auf ihre Weise -, einen Modus Vivendi zu finden in einer patriarchalen, dem neuen Leben und neuen Lebensformen nicht immer aufgeschlossenen Gesellschaft: und "Hallo" zu sagen zu einer besseren, toleranteren Welt. Wenn auch Jeonghyos als Finale furioso gezeigter pathologisch-radikaler Weg zur Mutterschaft nicht unbedingt als nachahmenswert erscheint. STEFFEN GNAM
Kim Eui-kyung: "Hello Baby". Roman.
Aus dem Koreanischen
von Inwon Park.
Blumenbar Verlag,
Berlin 2025.
223 S., geb.
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