
Vor 40 Jahren erschien mit Männerphantasien Klaus Theweleits große Untersuchung über die sexuelle, psychologische und soziopolitische Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. Das Werk, das für viele als Auftakt der Männerforschung in Deutschland gilt, ist längst zu einem Klassiker auch der Gewaltforschung geworden. Angesichts der Rückkehr rechten Straßenterrors und faschistoider Positionen, die viele schon an Weimarer Verhältnisse denken lassen, sowie von Propagandafeldzügen gegen freiere Sexualitäten - Stichwort: »Genderwahn« - sind die Analysen des Buches viel zu brennend, um es im Regal der großen Werke ins Archiv zu stellen. In dieser um ein langes Nachwort des Autors ergänzten Neuausgabe wird Theweleits epochales Werk nun endlich wieder verfügbar und diskutierbar, politisch neu nutzbar.
Besprechung vom 19.12.2025
Angst vor Auflösung
Nancy Hüngers "Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu"
Vor fast fünfzig Jahren erschienen Klaus Theweleits "Männerphantasien". Die Studie untersucht die sexuelle, psychologische und sozialgeschichtliche Vorgeschichte des Faschismus in der Weimarer Republik. 2019 neu aufgelegt, ist sie bis heute aktuell in der Analyse des faschistischen Typus, der, getrieben von Ängsten, in etwas gefangen ist, was Theweleit "Fragmentkörper" nennt: ein unfertiger Körper, der ständig gegen das Gefühl drohender Auflösung angehen muss.
Gegen eine diffuse Angst vor der Auflösung kämpfen auch die beiden Protagonisten von Nancy Hüngers luzidem, die Gattungsgrenzen überschreitenden Buch "Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu". Darin begegnet die namenlose Erzählerin über ein Onlinedatingportal einem Mann und tut sich unvermittelt mit ihm zusammen. Es ist die Rede von Liebe, aber eher scheint eine stille Übereinkunft zu wirken, ein rätselhaftes Sich-Erkennen. Das Neurotische, das diese beiden Menschen symbiotisch aneinanderbindet, schafft trügerische Vertrautheit.
Dem Mann ist die Lust an der Expansion eingeschrieben. Er macht sich breit, lässt die Frau mal abblitzen, mal straft er sie ab. Sie, die seit ihrer Kindheit von der Mutter und Großmutter eine Essstörung durchgereicht bekommen und sich in Hungerphasen im Verschwinden trainiert hat, in einer "Kontrolle, die zur Manie wird", passt also ungut bestens zu ihm. Die Geschichte der beiden beginnt rasch, zwischen Himmel- und Höllenfahrt hin- und herzupendeln, gerät immer wieder aus dem Takt. Und die gemeinsame Erfahrung der Bodenlosigkeit und Angst potenziert sich, schnürt beiden die Luft ab, schürt neue Angst.
Worin diese tiefe Angst gründet, worin die Gewalt und Aggression, die die beiden im Schlepptau führen, dieser Frage geht "Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu" assoziativ und situativ nach. Der Text ähnelt einem Cahier in kurzen poetisch-prosaischen Miniaturen. Die an ein Du gerichteten Miniaturen klingen in ihren tastenden Bewegungen, als spräche die weibliche Erzählinstanz zugleich zu ihrem Geliebten und zu einem Psychoanalytiker. Sie zitieren immer wieder essayistische und literarische Klassiker von Roland Barthes' "Fragmente einer Sprache der Liebe" bis zu Alain Badious "Lob der Liebe", um auch zu ergründen, was es für eine gelingende Liebe bräuchte, was der Liebe dagegen schadet, sie ruiniert. Es sind neben den persönlichen Verletzungen noch immer die überlieferten Männlichkeits- und Weiblichkeitsmuster: die Frauen als Heulsusen, im Begriff zu "vermüttern", die Männer als die, an die "hinargumentiert, hininformiert, hingebettelt" werden muss.
Das Elend dieser beiden Protagonisten ist betrüblich, bisweilen so bedrohlich wie die Kindheitslasten, die sie mit sich tragen. Wenn Hüngers Erzählerin immer wieder exzessiv zitiert, kann das auch als Versuch gelten, objektivierbar zu machen, was für die Figuren wie für die Leser so schwer zu ertragen ist.
Immerhin hat die Erzählerin von ihrem Vater nicht nur Lust an der Gewalt, sondern auch "das Meer" geerbt, immerhin scheint auch ihr Geliebter etwas anderes im seelischen Gepäck mit sich zu führen. Eine Reise auf eine nicht genau bestimmbare kanarische Insel, wo die Hitze und das Licht etwas ins Fließen bringen, die im zweiten Teil des Buchs erzählt wird, entbindet die selig-unseligen Liebeskontrahenten schließlich ein Stück weit aus den Verschlingungen. Am Meer, in der Kargheit und Isolation der Insel, ergibt sich die Möglichkeit, den Anblick des Meeres als Spiegel der Seele tatsächlich auszuhalten, dem Meer schließlich sogar den Rücken zuzudrehen, weil seine drohende Auflösung an Bedrohlichkeit verloren hat.
Nancy Hünger hat ein atmosphärisch dichtes, zärtliches und heftiges Buch geschrieben, das die Möglichkeiten eines anderen als abwehrenden Sprechens über Scham und Schmerz sucht, nach Möglichkeiten, Fremdheit und Aggression, die eigene und die des anderen, anders auszuhalten im Modus von Abwehr und Wut. Ein Happy End wird man das Ende dieses Buches nicht nennen, unbedingt aber eine Chance. BEATE TRÖGER
Nancy Hünger: "Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu".
Edition Azur bei Voland & Quist,
Berlin 2025. 152 S., geb.
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