
Dreihundert deutsche Männer, schrieb Walther Rathenau zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bestimmten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents. Er meinte das enge Geflecht aus Bankiers, Industriekapitänen und Lobbyisten, das sich mit dem Aufstieg von Firmen wie der Allianz, Krupp oder Siemens herausgebildet hatte. Man kannte einander, man sprach miteinander - und man sprach sich ab. Bis in die 1990er Jahre prägte dieses Netzwerk namens »Deutschland AG« die Politik und die Unternehmenskultur in der Bundesrepublik.
Konstantin Richter montiert die Geschichten dieser Macher und Magnaten zu einer temporeichen szenischen Erzählung. In meisterhaft arrangierten Episoden lässt er ihre Welt zu unserer werden: Er begleitet Nicolaus Otto und Gottlieb Daimler bei der Gemüseernte, wo die beiden genauso erbittert konkurrieren wie bei der Entwicklung neuer Motoren. Richter sitzt mit am Tisch, wenn die Gebrüder Mannesmann in Marokko irrwitzige Intrigen spinnen, und er pendelt mit Thomas Middelhoff von Bielefeld nach Essen, wenn dieser sich mit seinem Hubschrauber auf den Weg ins Büro macht.
So entsteht ein einzigartiges Epos, das rund 150 Jahre umspannt: von der Start-up-Nation Kaiserreich bis in die krisengebeutelte Gegenwart, vom Aufstieg der Deutschland AG bis zum ihrem Niedergang.
Besprechung vom 05.01.2026
Der Wandel der Deutschland AG
Elegant erzählt, ohne in die Tiefe vorzudringen
Der Niedergang Deutschlands schien dem Spiegel schon 1966 unabwendbar. Zu wenig Investitionen, Rückstand bei Hochtechnologien, Autokrise. Das Wirtschaftswunder ging zu Ende, ein Umbruch war auch beim Führungspersonal der deutschen Wirtschaft zu erkennen, dessen Konturen der Journalist Konstantin Richter in seinem Buch beschreibt. 1966/67 kam es zur ersten Rezession der Bundesrepublik. Die Studentenproteste läuteten den Wertewandel ein. Die lange beschwiegene Verstrickung vieler Unternehmer in den Nationalsozialismus kam plötzlich zur Sprache und trübte das Ansehen der vornehmen Herren. Bald schon erschütterten die Ölkrise und zweistellige Inflationsraten die westliche Welt.
In dieser Phase kam es zu einem Umbruch in der Wirtschaftselite, der mehr war als ein Generationenwechsel. Hermann Josef Abs, der Grandseigneur der Deutschen Bank, schied 1967 aus dem Vorstand aus. Heinrich Nordhoff, der autoritäre Patriarch an der Spitze von VW, starb 1968. Schon 1965 hatte das neue Aktiengesetz Überkreuzverflechtungen von zwei Unternehmen untersagt sowie die Zahl der Aufsichtsratsmandate pro Person auf zehn begrenzt und damit das beliebte Wechselspiel gegenseitiger Gefälligkeiten eingegrenzt. Der Kontrast zwischen den alten und neuen, in den Siebzigerjahren berufenen Eliten hätte stärker nicht sein können. Bei Daimler-Benz besaß der Sozialdemokrat und Intellektuelle Edzard Reuter keine Ähnlichkeit mit Nordhoff. Alfred Herrhausen kam zur Deutschen Bank und forderte zum Entsetzen traditioneller Banker einen Schuldenerlass für Länder des globalen Südens. Das Buch schildert beide Manager als typische Repräsentanten eines Neuaufbruchs, obwohl sie Ausnahmepersönlichkeiten waren.
Der traditionell enge Zusammenhalt der deutschen Wirtschaftselite hatte viele Gründe, etwa den distinguierten Lebensstil. Man traf sich in St. Moritz, auf Sylt oder in Bayreuth. Berthold Beitz, der Generalbevollmächtigte des Krupp-Konzerns, sagte einmal über Bayreuth: "Wenn Sie Kontakt zur Industrie suchen, müssen Sie da mitmachen. Da haben Sie die ganze Bande beieinander." Ähnliche Sozialisationsmuster, gemeinsame Erfahrungen in der Kriegswirtschaft, Zeiten gemeinsamer Suspendierung oder Internierung nach 1945 und der gemeinsame Wiederaufbau waren ebenfalls ein starker Kitt. Zudem traf man sich oft in Aufsichtsräten oder Verbandsgremien. Nicht erwähnt werden die damals wichtigen Jagdgesellschaften, für die viele Unternehmen große Reviere unterhielten. Es fehlt auch die Rolle der Frauen, die als Netzwerkerinnen manche geschäftliche Verbindung ihrer Gatten stärkten. Auch Freundschaften, Alumninetzwerke und Verwandtschaftsbeziehung kommen im Buch zu kurz.
Der größte Umbruch vollzog sich seit den Achtzigerjahren - mit dem Vorrücken der Shareholder-Value-Lehre und einer oft amerikanisch geprägten Managergeneration. Jürgen Dormann, Klaus Esser, Ron Sommer, Jürgen Schrempp und Thomas Middelhoff waren aus anderem Holz als ihre Vorgänger geschnitzt, sind aber vor allem wegen des von ihnen verursachten Flurschadens in Erinnerung geblieben. Sie repräsentierten jedoch keineswegs die gesamte Wirtschaftselite, denn traditionelle Manager und bodenständige Familienunternehmer verschwanden nicht von der Bildfläche.
Überhaupt hat das Buch einen unguten Hang zur Generalisierung und Personalisierung. Schon der Titel ist schief. Walther Rathenau sprach 1909 über Europa und nicht über Deutschland. "Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, bestimmen die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents." Die völlig willkürliche Chiffre "300 Männer" wird in dem Buch rein suggestiv verwendet, ohne jeden Versuch, die Größe der deutschen Wirtschaftselite auch nur annähernd zu bestimmen. Zudem legt der Ansatz eine Art männerbündlerischer Verschwörung nahe. Die deutsche Wirtschaftselite war aber nie völlig homogen, sondern zeichnete sich auch durch Konkurrenz und Gegensätze aus. Davon schweigt das Buch.
Von einem "Fall der Deutschland AG" zu sprechen ist übertrieben. Zutreffend ist, dass sich die Verflechtungen weitgehend aufgelöst haben. Bei den Großbanken laufen nicht mehr alle Fäden zusammen, nachdem sie ihre zahlreichen Industriebeteiligungen abgestoßen haben, was durch die von der rot-grünen Bundesregierung 2002 gewährte Steuerfreiheit der Gewinne solcher Verkäufe beschleunigt wurde. Die Banken konnten daher nicht mehr als Schutzschilde gegen ausländische Übernahmen fungieren. Die Deutschland AG hat sich erheblich verändert, nicht jedoch aufgelöst. Sie wird weiter getragen von einem starken Mittelstand, von Verbänden und Gewerkschaften, einem aktiven Staat und einer überwiegend konsensualen Wirtschaftskultur.
Das Buch fasst Teile der neueren unternehmenshistorischen Forschung elegant zusammen. In einem Parforceritt durch 150 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte skizziert es viele zentrale Entwicklungen. Flott geschrieben springt es jedoch rastlos von einer Person zur nächsten, ohne jemals in die Tiefe vorzudringen und zu differenzieren. Dafür ist es reich an Anekdoten. Wer weiß schon, dass Abs den Mannesmann-Chef Wilhelm Zangen mit Äpfeln aus seiner Obstplantage versorgte oder wie Herrhausen seine zweite Frau kennenlernte? Der Vorzug dieses Buches besteht bei allen Defiziten darin, die großen Linien der Wirtschaftsgeschichte allgemeinverständlich und anschaulich nachzuzeichnen. Es macht Lust auf mehr. HARTMUT BERGHOFF
Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG, Suhrkamp, Berlin 2025, 543 Seiten
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