
Besprechung vom 28.12.2025
Basis Porridge Choco Crush
Von Lea Streisand
Lachen ist bekanntlich der peinliche Triumph des Körpers über den Intellekt. Trockene Vernunft wird durch Körperflüssigkeiten hinweggeschwemmt. Bei einem echten Lachanfall fange ich regelmäßig an zu heulen, die Wimperntusche verschmiert, das Kleid verrutscht, ich krieg Schluckauf, und hinterher muss ich Pipi. "Muttermund tut Wahrheit kund" heißt das neue Buch von Kirsten Fuchs. Das sagt eigentlich alles. Kirsten ist vielleicht die lustigste Frau, die ich kenne. Dabei ist sie eigentlich gar nicht komisch, also sie reißt keine Witze in geselliger Runde. Sie hört zu und guckt hin. Und versteigt sich dabei nie in generalisierte analytische Wolkenkuckucksheime wie ich, die an guten Tagen aus der Beschriftung einer Müslipackung den Niedergang der Zivilisation im Spätkapitalismus herleitet. Wie neulich im Drogeriemarkt, als mein Blick auf das Müsliregal fiel. "Basis Porridge" stand da auf einer Packung. So ein Getreidemix. Da musste ich lachen. Denn jeder Mensch weiß: Die Basis von Porridge sind Haferflocken.
Haferflocken gab's auch in dem Laden, standen im selben Regal, ganz unten, einsfümmunfuffzich das Kilo, so eine durchsichtige Tüte. Die Tüte Basis Porridge war mit Bild drauf und Dinkel, Flohsamen, Pipapo drin, Kostenpunkt: 2,65 Euro für 500 Gramm. Also ein Euro mehr für die Hälfte des Müslis. Es gab auch "Kakao Dinkel" für 3,55 Euro oder "Basen Balance Porridge" für 3,75 Euro. Bis hin zu einem Tütchen "Smoothie Bowl Pulver Choco Crush" mit 50 Gramm - eine schlappe Handvoll - für sage und schreibe einen Euro fünfundneunzig, umgerechnet 39 Euro pro Kilogramm - und auch das Zeug bestand hauptsächlich aus Haferflocken.
Und aus einer Mischung aus Bewunderung und Abscheu für die kapitalistische Dreistigkeit habe ich ein Foto von dem Basis Porridge ins Internet gestellt und dazu geschrieben: "Basis-Porridge. Where I come from, we call it Haferflocken."
Am nächsten Tag hatte ich 89 Kommentare unter dem Bild, hauptsächlich Beleidigungen. Ob ich lesen könne, da sei ja viel mehr drin als Haferflocken. Viele hatten die Zutatenliste von dem Müsli abgetippt, mit Prozentangaben bis hin zu "0,02% Bourbon-Vanille".
Es gibt Postings, bei denen erwarte ich heftige Reaktionen. Wenn ich was über Antisemitismus schreibe oder über Todesgefahr für Radfahrer im Berliner Straßenverkehr. Da ist der Hass quasi vorprogrammiert. Aber bei Müsli?! Ich wollte doch nur einen Witz machen. Was passiert bei Leuten im Kopf, die so was schreiben? Wer macht sich die Mühe, so was nachzurecherchieren? War das Schamabwehr? Nach dem Motto: Mist, sie hat recht, ist ja peinlich, aber wer ist die Frau überhaupt und wie kommt die dazu, mir mein Müsli madig zu machen, der werd ich's zeigen, 0,02 Prozent Bourbonvanille! Vielleicht wussten die Leute gar nicht, dass Porridge aus Haferflocken besteht! Oder sie waren einfach genervt von einer weiteren Frau, die ihre schöne Weltordnung kompliziert machte. Ich wollte sie zum Lachen bringen und bekam Wut zurück. Die Geschichte beschäftigte mich wochenlang. Zwischenzeitlich musste ich die Benachrichtigungen aller Social-Media-Apps ausschalten, um Panikattacken zu vermeiden.
Kirsten Fuchs kommt auch vom Hölzchen aufs Stöckchen beim Schreiben, aber sie bleibt dabei auf dem Teppich. Schwangerschaftstipps von Kirsten lauten zum Beispiel: "Erwarte keinen Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln. Verblüffend viele Männer wollten angeblich mal nett sein und haben Schwangeren Sitzplätze angeboten und wurden danach doll vermöbelt von Frauen, die nur schwanger aussahen. Also haben sie jetzt Angst und bieten nie wieder einer Frau einen Sitzplatz an. Zumindest behaupten das einige Männer. Wenn du unbedingt einen Sitzplatz willst und sagst, dass du schwanger bist, wirst du erfahren, dass Schwangerschaft keine Krankheit ist und ihre Mütter ja bei laufender Geburt noch einen Traktor gefahren haben. Also kauf dir einen Traktor. Dann hast du einen Sitzplatz."
Noch unerträglicher werden Kirstens Texte, wenn man sie live auf der Bühne erlebt und dabei irgendwie die Contenance wahren muss, weil man mit auf der Bühne sitzt. Siehe Lachanfall oben. Ganz schlimm ist auch, wenn ich versuche, Kirsten zu interviewen. Ich rede sehr viel bei Auftritten und bin froh, wenn ich die Hälfte meiner Sätze grammatikalisch korrekt zu Ende bringe. Meistens bin ich allein mit den Gedanken in meinem Kopf. Wenn die mal dürfen, wollen die alle gleichzeitig raus.
"Kirsten", frage ich, "du schreibst so nüchtern über die empörendsten Umstände. Führst du das eher auf deine ostdeutsche Herkunft zurück? Oder auf das Aufwachsen in Berlin? Oder auf den Umstand, dass du dich viel in Männerkreisen bewegt hast? Tischlerlehre, Lesebühnen? Oder ist es die Prägung durch deine Mutter und deine Großmütter?"
Und Kirsten Fuchs sieht mich an, überlegt lange und sagt: "Joa. Kann schon sein." Dann fängt sie an, den nächsten Text zu vorzulesen - und ich muss schnell meine Taschentücher suchen.
Lea Streisand, geboren in Ostberlin, ist Schriftstellerin und bekannt für ihre Hörkolumne "War schön jewesen" auf Radio Eins (RBB). Am 16. Februar 2026 erscheint ihr neues Buch "Berlinerisch - Watt denn, icke?" in der Reihe Dialekte im Duden Verlag.
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