Lena Müller nimmt ihre Leser mit ins Leben einer Alleinerziehenden, in die heutige Zeit, in einen Hitzesommer. Eli lebt mit ihrem Sohn Esra in einer kleinen Wohnung, hält sich mit Übersetzungen über Wasser und sieht doch langsam ihre Felle wegschwimmen. Denn, ob mit oder ohne KI, sie bekommt keinen neuen Auftrag und muss sich etwas einfallen lassen. Sie hat einen Freund, Jano, der ist wahrscheinlich nicht Esras Vater, aber ihr und besonders dem kleinen Jungen sehr zugetan. Und sie hat eine Kneipe, in die sie von Zeit zu Zeit geht, weniger um zu trinken, als um einmal aus der Wohnung zu kommen und ein paar Leute zu sehen. Am liebsten Gunda. Der gehört die Kneipe und die macht bei über 40 Grad im Schatten ihren Kneipenfreundinnen ein verlockendes Angebot: kommt alle zu mir, die Kneipe bleibt zu, hier unten ist es kühl und keiner muss sich in seiner Bude totschwitzen. Gesagt getan, einige kommen, mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Man arrangiert sich, macht gemeinsam Essen und Abwasch (den macht meistens Eli) und für die Kinder gibt es in der Einfahrt nebenan ein aufblasbares Planschbecken. Eli ist die Einzige, die mit Esra über Nacht bleibt, sie nutzt Gundas Angebot und untervermietet ihre Wohnung flugs an Italiener, die ein Urlaubsquartier brauchen.
Man beobachtet das sommerliche Treiben und hört den Gesprächen zu, lächelt über Eigenheiten und wundert sich. Ich habe mich jedenfalls gewundert. Ich war auch mal alleinstehende Mutter, aber ohne feste Arbeit war ich nie, habe mir eher immer noch etwas zum Hinzuverdienen gesucht. Eli scheint das nicht so wichtig, die nächste Miete begleicht sie mit der Zahlung der Italiener. Dabei ist Esra ein Kindergartenkind, sie hätte also ausreichend Zeit, eine neue Arbeit zu suchen. Aber der heiße Sommer bringt anderes ins Spiel, Gunda beginnt ihre Geschichte zu erzählen, vom Club der Verschwenderinnen. Diese Geschichte führt zurück in die DDR und dann in die Nachwendezeit. Ich will nicht vorgreifen, es ist wirklich interessant, wie unterschiedlich die Leute diese Zeit erlebt haben.
Ortswechsel: Gunda lädt Eli und Esra in ihre Laube ein, erzählt von Claude, die nebenan wohnt. Sie sind mitten im Wald und am wohlsten fühlt sich wohl Esra in der Runde, er findet viel, womit er spielen und träumen kann. Eli nimmt es nicht so leicht, beobachtet die beiden Frauen, beobachtet ihr Kind, sich selbst.
Die gesellschaftskritischen Aspekte des Romans wirken auf mich wie Ausstellungsstücke in einem Museum, denen man eine Erklärtafel hinzugesellt, obwohl jeder weiß, worum es geht. Das kleine Buch muss da eine Menge aushalten, ökologisch wie politisch.
Lena Müller hat einen unprätentiösen Schreibstil, ihr Roman liest sich gut und schnell, der Blick in Elis Leben, in Gundas Kneipe und in Claudes Laube haben mir sehr gefallen. Mein kleiner Lieblingsheld ist Esra, das stille und melancholische Kind, das jede Schwingung in der Luft und zwischen den Menschen wahrnimmt wie ein Seismograf. Dass er nicht nur die Pilze im Wald aus seiner Perspektive besser sieht als die Erwachsenen, leuchtet ein.
Einband und Gestaltung sind gut gelungen, die leuchtenden Früchte so rot wie die Vorsatzseiten. Trotz des kleinen Formats ist die Schrift sehr gut lesbar, nicht nur was die Schriftgröße, auch was den Schwarzdruck anbelangt. Was ich nicht schön finde, ist die neuerliche Gestaltungsweise von Titelzeilen auf dem Cover, hier auch im Haupttitel wiederholt: Worte werden umbrochen und ohne Bindestrich ihres Sinnes beraubt. Dieses Buch ist keine Ausnahme, ich kritisiere das häufiger.
Fazit: Ein offener Roman mit einem offenen Ende, und man kann die Geschichte im Kopf immer weitererzählen. Dass Eli ab und zu das Gefühl hat, aus der Haut fahren zu müssen, kann ich nachfühlen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.