Unmöglich ¿ und doch ¿
Wenn man ein Buch nahezu in einem Rutsch lesen kann, so ist es zumindest eins: fesselnd. Diese Aussage kann ausnahmslos bestätigt werden. Hierfür ist nicht nur die gekonnte Erzählweise von Leon de Winter (der mit diesem Werk sein fünfzigjähriges Autorenjubiläum feiern kann) verantwortlich, sondern auch die Ausgestaltung eines Motivs, das das ICH einer jeden Person ausmacht: ein gesundes Gehirn. Und wenn dieses Ich in Gefahr gerät, mitunter sogar das ganze Leben bedroht ist, dann bewegen wir uns in Grenzregionen, die so fragil sind, und auch so vielschichtig, dass man für jede Minute dankbar ist, in der dieses wunderbare Organ seinen Dienst so klaglos verrichtet wie bisher.Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Mikroneurochirurg Jaap Hollander, der, nahezu besessen von seiner Arbeit, alles seiner Berufung unterwirft und dabei zwangsläufig alles andere vernachlässigt, inklusive seiner Ehefrau und seiner Tochter. Er der Abkömmling eines oliejoodje, einem Öljuden, ist die Religion mehr als fremd, ganz anders seine 18-jährige Tochter Lea, die dem Judentum zumindest aufgeschlossen gegenübersteht, und die nach ihrem Schulabschluss "eine sogenannte Birthright-Reise nach Israel" unternimmt. Auf einer Fahrradtour zum Ramon-Krater (Erosionskessel in der Wüste Negev) werden sie und ihr 20-jähriger Begleiter von sintflutartigen Regenfällen überrascht und gelten seither als verschollen. Kurze Überleitung: Die Mutter trennt sich in ihrer Verzweiflung (auch weil bereits vorher einiges im Argen lag) von ihrem Mann, während dieser das Unaussprechliche nicht wahrhaben möchte und daher regelmäßige Nachforschung in besagter Kraterregion unternimmt.Bei einer dieser Reisen, es sind inzwischen zehn Jahre vergangen, wird er mit einer Aufgabe konfrontiert, die schier unlösbar erscheint: Er soll die 17-jährigen Tochter eines saudischen Prinzen, die "ihr Land in die Zukunft führen soll", von einer als inoperabel geltenden zerebralen Malformation (arteriovenöse Fehlbildung) befreien. Im Erfolgsfall soll er mir fürstlichen einer Milliarde Euro entlohnt werden, im anderen Fall droht wohl der Tod ... Auch er selbst gerät in eine ähnliche Situation, die sich bereits recht früh angekündigt hatte: Er kann sich keine Namen merken (Prosopagnosie) und behilft sich damit, dass er den Personen Filmgesichter von Hollywoodstars zuordnet. Das sich daraus schließlich, hervorgerufen durch einen Hundehaufen (mehr soll hier nicht verraten werden), eine unorthodoxe Reise entwickelt, die an den Persönlichkeitsstrukturen des großen Hirnchirurgen zerrt, bildet den Höhepunkt der Geschichte.Man lässt sich gerne von diesem Autor in nicht ganz alltägliche Gefilde (räumlich und thematisch) entführen. Gerade auch, weil davon auszugehen ist, dass die Recherchen wieder einmal hervorragend waren, wenn auch in einem Fall Stamm- und Mittelhirn dabei etwas verrutschen, was aber auch an der Übersetzung liegen könnte.