
Besprechung vom 26.05.2025
Fünf Freunde sollt ihr sein
Leslie Niemöller schreibt die "Gurkentruppe" fort
Tayo ist immer noch seltsam. Das Zebra liegt im Bett, starrt an die Decke und interessiert sich für gar nichts. Auch nicht für seine Freunde, die hin und her überlegen, wie sie helfen können, und schließlich den Arzt rufen. Doktor Fuchs diagnostiziert "eine schwere Traurigkeit" und verschreibt eine halbe Stunde Sport täglich. Ob das hilft? Tayos Gemüt wog schon immer schwerer als das der anderen - in der "Gurkentruppe" ist er derjenige, den stets eine leise Melancholie umgibt.
Das bedeutet nicht, dass er außen vor bleibt, wenn die anderen Bewohner der Wohngemeinschaft im Wald dem Bären Ben helfen, Fahrradfahren zu lernen; wenn sie den ordnungsverrückten Hasen Toto dazu verdonnern, wenigstens am Sonntag eine halbe Stunde lang mal nichts zu tun; wenn sie dem Biber Nick eine Geburtstagssause am Fluss ausrichten, die ungeplant in ein Besäufnis ausartet. Aber es heißt, dass sich das Zebra immer wieder allein in sein Kämmerlein zurückzieht, wo es in die Welt lauscht, Musik hört und mitsingt. Manchmal dauern diese Abwesenheiten lang, auch zu lang. Es ist gut für das Zebra, dass es nicht allein wohnt.
Zusammen sind die fünf Tiere alles andere als eine "Gurkentruppe", und doch passt die ironische Beschreibung, die Leslie Niemöller ihnen schon im ersten gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2024 verpasste, insofern gut zu der Fünfer-WG, als in dem beschaulichen Waldhäuschen regelmäßig das Chaos ausbricht. Der Biber, der Hase, das Zebra, das Schwein und der Bär sind eine Gemeinschaft, deren Zweck auch im zweiten, gerade erschienenen Band "Die Gurkentruppe hält zusammen" darin besteht, den Einzelnen nicht alleinzulassen, ihm ein Freund zu sein - trotz aller Unterschiede und Unmöglichkeiten.
Das mag eine pädagogisch angehauchte Grundkonstellation sein. Aber Leslie Niemöller unterläuft die Betulichkeitsfalle, indem sie den Tieren konsequent das Eigenleben zugesteht, das in ihrer Figurenzeichnung angelegt ist: Hans, das Schwein, wird als Hausherr seiner Rolle als ordnende, ausgleichende Kraft zwar gerecht. Aber auch er kann nicht verhindern, dass der impulsive Nick die Schallplatte, die der traurige Tayo in seiner Kammer in Dauerschleife hört, irgendwann in Stücke bricht und, bevor er sich entschuldigen kann, erst Haus und Hof unter Wasser setzt. Auch vermag er die Leere nicht zu füllen, die den sonst so getriebenen Hasen Toto am Sonntag anfällt, als er nichtstuend auf dem Sessel sitzt - eine Stimmung, die Liliane Oser dem Hasen schrecklich greifbar ins Gesicht zeichnet. Man ahnt spätestens an dieser Stelle, dass sich am Ende der kleinen Geschichte längst nicht alle Probleme in Luft aufgelöst haben werden, wie das in viel zu vielen Kinderbüchern leider oft der Fall ist. Denn Tayos Traurigkeit wird bleiben, die Impulsivität des Bibers wird bleiben und die Ängstlichkeit des Bären auch. Man kann nicht immer aus seiner Haut. Auch das ist eine Lektion. LENA BOPP
Leslie Niemöller: "Die Gurkentruppe hält zusammen".
Illustriert von Liliane Oser. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2025. 72 S., geb., 12,- Euro. Ab 6 J.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.