Während die Benetton- und Adidas-Mädchen ihrer Klasse in den Sommerferien verreisen, verbringen die Schülerinnen Henri (Henriette) und Mo ihre Zeit im Schwimmbad lesend. Von Stephen King bis Sylvia Plath reicht ihre literarische Spannweite. Wichtig ist vor allem: Die Bücher stammen aus der Erwachsenenabteilung der lokalen Bibliothek. Während Mo in der Klasse beliebt ist, kämpft Henri um ihren Platz in der Klasse, in der Freundschaft zu Mo und letztlich auch in ihrem eigenen Leben. Und zwischen den beiden Mädchen? Da schwingt ein bisschen mehr mit als nur eine Schulfreundschaft
Das Zuhause der beiden ist die Palastplatte, das Café Kronsaal und die Gemeinschaft der Bewohner des Plattenbaus. Henri fühlt sich dort eigentlich wohl, zufrieden in den vier Wänden des 11. Stocks. Was sie beschäftigt, sind nicht die neuesten Modetrends, sondern die Veränderungen in ihrer Familie insbesondere im Verhalten ihres Vaters. Das gemeinsame Leben, die Nähe, sogar das Tanzen mit den Eltern beginnen zu bröckeln und weichen der Realität einer unheilbaren Krankheit, die das Familienleben grundlegend verändert. Gleichzeitig entfernen sich auch Mo und Henri immer wieder voneinander.
Im ersten, längeren Teil des Buches erleben wir vor allem Henris intensive Gefühlswelt in Bezug auf ihren Vater, während die Dynamik zwischen ihr und Mo zunächst in den Hintergrund tritt. In den späteren Teilen verschiebt sich dieser Fokus: Die Beziehung zwischen den beiden jungen Frauen rückt stärker in den Mittelpunkt, während die Wahrnehmung des Vaters ebenso wie seine geistige Präsenz zunehmend verblasst. Er verliert, wie ein Geist, an Kontur. Dramaturgisch ist dies wundervoll umgesetzt.
Die Bilder der Protagonisten entstehen für mich weniger durch detaillierte Beschreibungen als durch ihre Handlungen, Erlebnisse und Entwicklungen. Dadurch bleibt viel Raum für eigene Vorstellungen und Interpretationen, dies hat mir im Verlauf des Buches zunehmend gefallen. Einen Weg, mit ihrer Situation umzugehen, findet Henri im Tanzen und auch im Schreiben: zunächst kindlich, später zunehmend literarisch. Sie hält an ihren Träumen fest, versucht, ihren eigenen Weg zu finden und sich einzugestehen, was sie wirklich will auch über die Grenzen der Palastplatte hinaus.
Der Autorin Mara Floren ist mit diesem Roman eine schöne aber auch zugleich ernste Geschichte über das Erwachsenwerden unter erschwerten familiären Bedingungen gelungen. Sprachlich überzeugt das Buch mit vielen poetischen Formulierungen, Phrasen und literarisch schön beschriebenen Bildern, die man am liebsten alle markieren möchte. Einmal begonnen, fiel es mir schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Ich konnte tief in Henris Gefühlswelt eintauchen und habe sie auf ihrem Weg begleitet einem Weg, auf dem sie lernt, ihre Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens in Kreativität und Liebe zu verwandeln.