Wenn der Schnee in den Alpen bis hinunter ins Tal geschmolzen ist, erwacht die Mutter aus ihrem monatelangen Winterschlaf. Während der kalten Jahreszeit hat sie geträumt und genau diese Träume besitzen eine besondere Bedeutung. Menschen reisen zu ihr, suchen Rat, Hoffnung und Trost, denn ihre Weissagungen scheinen Dinge vorherzusehen, die erst noch geschehen werden.Gemeinsam mit dem Großvater und ihren Zwillingen lebt sie in einer Welt, die von festen Abläufen und diesem außergewöhnlichen Ritual bestimmt wird. Jahr für Jahr wiederholt sich alles. Doch in jenem Sommer, in dem die Zwillinge zehn Jahre alt sind, gerät diese vertraute Ordnung ins Wanken. Denn einige der Dinge, von denen die Mutter geträumt hat, beginnen tatsächlich einzutreten.Besonders fasziniert hat mich die eigentümliche und beinahe märchenhafte Atmosphäre des Romans. Die abgeschiedene Bergwelt, der Schnee und die Träume der Mutter erzeugen von Anfang an ein Gefühl, dass hier etwas nicht ganz mit unserer Realität übereinstimmt. Gleichzeitig bleibt lange offen, wie viel Übernatürliches tatsächlich hinter den Ereignissen steckt.Mario Petuzzi erzählt dabei eher ruhig und lässt sich viel Zeit für seine Figuren und die besondere Welt, in der sie leben. Man sollte deshalb keinen rasanten Thriller erwarten. Die Spannung entsteht vielmehr unterschwellig, weil man spürt, dass sich etwas zusammenbraut und die scheinbare Idylle nicht von Dauer sein kann.Auch die Zwillinge fand ich spannend, denn durch sie bekommt dieses seltsame Familienleben noch einmal eine andere Perspektive. Was für Außenstehende vollkommen außergewöhnlich erscheint, ist für sie zunächst schlicht Normalität.Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto bedrohlicher wird die Stimmung. Aus den Träumen werden Vorzeichen und aus einer ungewöhnlichen Familientradition entwickelt sich eine Geschichte über Schicksal, Veränderung und die Frage, ob sich eine vorhergesagte Zukunft überhaupt verhindern lässt.