Weltenwechsel von Marion Kraft erzählt die Geschichte von Julia, die im Nachkriegsdeutschland als Tochter der Deutschen Margarete und eines amerikanischen Soldaten aufwächst. Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrer Oma Berta, während die Mutter arbeitet. Ihre Kindheit ist geprägt von Einsamkeit, Ausgrenzung und Rassismus. Dennoch wächst Julia zu einer starken, selbstbewussten jungen Frau heran, die von einigen Schicksalsschlägen getroffen wird. Doch Julia möchte ihren eigenen Weg gehen
Julia schob ihre Gedanken zur Seite, wie ein Kind ein Bilderbuch wegschiebt, an dem es sich sattgesehen hat und das ihm nicht mehr gefällt. Sie war jetzt fast vierundzwanzig und hatte noch nichts von der Welt gesehen.
Aber sie hatte schon viel erlebt. Zu viel. Zu viele Zurückweisungen, zu viele Verluste, zu viele Abschiede und zu viele Tode. Es war an der Zeit für das Leben.
Die Handlung des Romans weist einige offensichtliche Parallelen zum Leben der Autorin auf.
Obwohl mich dieses Leben, das geprägt war von Ausgrenzung und Rassismus, sehr berührt hat, konnte mich die Geschichte als Roman nur bedingt überzeugen. Der berichtsartige Schreibstil war mir etwas zu nüchtern und emotionslos. Schicksalsschläge wie der Tod der Mutter und Oma werden recht abrupt abgehakt, so kam es mir vor.
Nur selten einmal konnte ich wirklich tief nachspüren, was in Julias Innerem vorging und mich in sie hineinversetzen.
Jetzt las sie zum wiederholten Mal den letzten Satz in diesem Buch: Diese Welt ist nicht mehr weiß und wird nie wieder weiß sein Doch sie lebte in einer weißen Welt. Und sie las von Menschen in Amerika, die sich wehrten, wehren konnten, weil sie eine gemeinsame Geschichte und Kultur, eine Gemeinschaft hatten. Sie sehnte sich nach einer solchen Gemeinschaft, die sie nur in Büchern finden konnte, in Büchern, die es hier kaum gab.
Immer öfter war sie am liebsten allein. Sie las wieder viel. Irgend-wo war sie auf den Satz gestoßen: Das Leben ist ein Fluss.
Nein, hatte sie gedacht. Das Leben ist ein schmutziger, reißender Strom, dessen Strudel dich vom Ufer wegziehen, wenn du nicht aufpasst. Wenn du überleben willst, musst du lernen, gegen den Strom zu schwimmen.
Ganz besonders die Situation bei der Flughafenkontrolle, bei der Julia so unmenschlich behandelt wurde, hat mich sehr mitgenommen:
Das Erlebnis am Flughafen verfolgte sie noch eine Weile auch am Tag. Erst als Ralf ihr riet, einen Bericht da rüber zu schreiben, gelang es ihr, ihr Leben davon nicht mehr bestimmen zu lassen. Es wurde ein Artikel über Zugehörigkeit und Diskriminierung, über alten und neuen Rassismus, ein wütender und dennoch sachlicher Text, den eine überregionale Zeitung zu Julias Überraschung sogar druckte. Von da an wusste sie, dass Schweigen alles nur noch schlimmer machte und das Schreiben eine Möglichkeit sein konnte, sich zu wehren.
Trotz einiger starker Momente wurden meine Erwartungen an das Buch nur bedingt erfüllt.
Ansonsten ist Weltenwechsel ein interessanter Roman über ein bewegtes Mädchen-/Frauenleben im Nachkriegsdeutschland sowie über Ausgrenzung und Rassismus.
Vielen Dank an den Orlanda Verlag und an Netgalley für das Rezensionsexemplar.