4,5¿¿ Geht unter die Haut.
"Die Fehler, die wir machen, bleiben nicht in den Jahren eingeschlossen, in denen wir sie begangen haben, wie Statuen, wie so Skulpturen, die die Zeit anfrisst und schließlich zerbröselt. Die Fehler, die wir machen, sind ... wie eine Infektion, meiner Meinung nach. Eine Krankheit, die sich nach und nach alles nimmt, sie beginnt an dem Punkt, wo du sie dir geholt hast, und bringt dich um."Das Cover von Mattia Insolias Roman "Brennende Himmel" hat mich direkt angesprochen, denn ich war sofort neugierig was es wohl mit dem jungen Mann auf sich hat, der mich mit seinem kühlen, arroganten und harten Blick vom Cover her anschaut. Und eins muss ich gleich im Vorfeld sagen: Das Buch ist keine leichte Kost und je nachdem was euch vielleicht belastet, solltet ihr vorher die Triggerwarnung lesen.Übersetzt aus dem Italienischen von Mirjam Bitter."Der Schmerz war überall. Und in diesem Moment war sich Niccolò sicher, dass er ihn nie verlassen würde, dass er ihn von dieser Nacht an für immer unter seinen Kleidern tragen würde."Teresa macht wie jedes Jahr mit ihren Eltern Urlaub in einem Feriendorf in Camporotondo. Mit ihren 16 Jahren ist sie sehr naiv und unaufgeklärt, was vor allem ihrer gewaltätigen Mutter zuzuschreiben ist, die Teresa alles verbietet und sie nicht auf das Leben vorbereitet. Teresas Vater ist schwach und kann sich nicht gegen seine Frau durchsetzen. Vor einigen Jahren hat er versucht dem Leben mit dieser Frau zu entfliehen, doch Teresa hatte ihn rechtzeitig gefunden. In diesem Urlaub trifft Teresa auf Ricardo, der wunderschön ist und voller Selbstbewusstsein. Doch diese Begegnung wird für Teresa eine sehr verhängnisvolle ...19 Jahre später: Niccolò ist ein rücksichtsloser, gewaltätiger Teenager, der trinkt kokst, Mädchen benutzt und wie Dreck behandelt und mit seinen Freunden Migranten verprügelt. Dabei könnte Niccolòs Zukunft durchaus gut aussehen, denn er ist gut in der Schule und plant sogar Medizin zu studieren. Doch sein Lebenswandel, seine zerstörerische Kraft, könnte alles kaputt machen. Auf einem Roadtrip, zu dem Niccolòs Vater Ricardo ihn überredet, wird er mit der Vergangenheit seiner Eltern konfrontiert."Niccolò erforschte die Augen seines Vaters, er war auf der Suche nach etwas Lebendigem, Nahem. Aber es war, als schaute man eine nackte Schaufensterpuppe an."Erzählt wird der Roman im Wechsel aus Teresas und Riccardos Jugend im Sommer 2000 und der Zeit im Winter 2019. Teresa, die mit ihren Eltern kein leichtes Los hat und zwischen Gewalt und Gleichgültigkeit groß wird. Dass sie sich dadurch von Ricardos Aufmerksamkeit angezogen fühlt, ist da kaum verwunderlich. Es ist eine Geschichte von verpassten Chancen und toxischen Verbindungen, die zu einem immer währenden Kreislauf werden, in deren Zentrum emotional verwahrloste Menschen stehen, die zum Teil so voller Schmerz und Wut sind, dass sie gar nicht wissen wohin damit."Er hätte ihn am liebsten angespuckt, ihm die Fresse eingeschlagen. Fausthiebe, Ohrfeigen, Tritte. Gespürt, wie der Nasenknorpel unter seinen Knöcheln splittert, die Zähne unter seinen Schuhsohlen rausbrechen. Er hätte ihn gerne zu seinen Füßen gesehen, wie er schluchzte und blutete und um sein Leben flehte."Mattia Insolias Roman "Brennende Himmel" könnte auch den Titel "Schuld und Sühne" tragen. Mit sehr eindringlicher Stimme erzählt er von toxischer Männlichkeit, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wird, von der Schuld, die Eltern auf sich laden und wie sie mit dieser Schuld leben müssen. Es geht um den Wunsch der Kinder, sich von ihren Eltern zu distanzieren und niemals so zu werden wie sie. Doch ist und das überhaupt möglich? Können wir unsere Eltern so einfach abstreifen? Oder sind unsere Eltern so tief in uns verwurzelt, dass wir diese Wurzeln gar nicht sprengen können? Das wir unweigerlich ihre Charakterzüge übernehmen?"Niccolò sah sich um, allein in dieser Hölle, die er mit seinem Vater erschaffen hatte. Und er fühlte, wie er sich am liebsten zusammengekauert und geweint hätte, bis er alle seine Tränen losgeworden wäre, alle seine Ichs."Beim Lesen war mir manchmal wirklich schlecht, ob all der Gewalt, die sich durch diese Leben zieht. Und auch wenn es durchaus passend ist, hat mich das Ende des Romans kalt erwischt. Für mich war das ein tolles Buch, wenn auch nicht immer leicht zu ertragen. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass es mir teilweise etwas zu vulgär war - auch wenn es sprachlich passt. Auf jeden Fall werde ich Mattia Insolia im Auge behalten und mir auch sein Debüt vornehmen.