Es erschien ihr seltsam und total übergriffig, andere Menschen mit ihren Gefühlen zu belästigen.
Der Personalrat läuft stürm: Marlene, Ende dreißig, erfolgreiche Managerin, steht kurz davor CEO der Firma Aviola zu werden, für deren Erfolg sie seit Jahren maßgeblich mitverantwortlich ist. Für die Mitarbeitenden ist die Karrierefrau ein Graus. Wer nicht funktioniert, wird eiskalt zu Rechenschaft gezogen. Bei sexuell übergriffigem Verhalten von Kollegen kann man nicht mit Marlenes Unterstützung rechnen. Um die Übernahme der Führung dennoch zu garantieren, schickt ihr Noch-Chef Marlene auf ein zweiwöchiges Coaching-Retreat in der Academy. Die Academy gelang durch das Coachen berühmter Persönlichkeiten an Ruhm, Gründer Alex Grow (natürlich ist das nicht sein bürgerlicher Name) verliert aber langsam das Feuer, Nach mehreren Panikattacken steht es schlecht um seine Firma. Da kommt es ganz gelegen, dass der Aviola-Chef verspricht, bei einem erfolgreichen Coaching Marlenes, das gesamte Firmenprogramm mit der "Academy" aufziehen zu wollen. Doch dann kommt alles ganz anders als geplant, woran nicht zuletzt ein angeschossenes Wildschwein und ein paar Waldbesetzer einen Beitrag haben.
Maxim Leos neuer Roman "Einatmen. Ausatmen." ist witzig-skurril. Schon auf den ersten Seiten begegnen dem Leser wandelnde Klischees (Karrierefrau und Coaching-Guru), die aber so überzeichnet sind, dass niemand auch nur eine Sekunde lang glauben mag, dass Leo es hier Ernst meinen kann. Sämtlich Stereotype aus der Selbstfindungsszene lassen sich gerade im ersten Teil des Romans wiederfinden. Hier hat jemand seine Recherchearbeit gemacht! Gleichzeitig möchte "Einatmen. Ausatmen." aber mehr. Der Roman hat Tiefgang, auch wenn sich dieser zwischen den lustigen Szenen verstecken mag. Es geht um nicht weniger als die Frage, was das Glück eigentlich ist und wie wir es finden können - auch jenseits der Retreats und digitalen Coachingangebote.
Leider gelingt es dem Autor dann aber doch nicht, eine klare Position zu beziehen. Möchte er mit seinem Buch die Coaching-Szene kritisieren oder bestätigen? Zunächst scheint es ein Verriss zu sein. Die Figuren pointiert-überspitzt, der Guru erkennt selbst, dass seine Methoden bei ihm nicht mehr wirken. Marlene wird nicht durch Achtsamkeitsübungen auf der Yoga-Wiese, sondern durch ihre ganz eigenen Begegnungen in der Brandenburger Wildnis innerlich bewegt. Dann aber gibt es doch wieder Szenen wie etwa die Aufstellungsübung, in der die Wirkung des Achtsamkeitstrainings in den Vordergrund rückt. Alle Figuren sind auf ihre Weise suchend. Genauso wie diese Suche an unterschiedlichen Orten im Roman endet, könnte auch die fehlende Positionierung ein Hinwies darauf sein, dass Yoga, Atmen und Gespräche eben für den einen funktionieren und für die andere nicht. Ob ich Marlene ihren Wandel abnehme? Da bin ich mir noch unschlüssig. Oft wirkte ihre Umkehr für mich zu "passend":
Nicht nur in Bezug auf die Figurenentwicklung, auch mit Blick auf die Details hätte ich mir manchmal eine genauere Ausarbeitung gewünscht. Nebenfiguren und -handlungen wirkten auf mich oft so, als stellten sie in erster Linie Funktionselemente dar. So bleibt zum Beispiel Alex Freundin lange blass, Auch wenn sie am Ende mehr Raum bekommt (und sich das in der Story begründen lässt), wird hier viel verschenkt, was spannend zu erzählen wäre. Etwa, wie sich ihre Unsicherheit und ihre Kritik an Alex genau auswirken. Viele Nebenaspekte werden auch nur noch schwach oder gar nicht mehr aufgegriffen, wenn sie für den Haupthandlungsstrang an Bedeutung verlieren. Hier hätten ein paar Seiten mehr nicht geschadet.
Insgesamt erzählt "Einatmen.Ausatmen." eine ganz nette Geschichte, die man gut zwischendurch lesen kann. Vieles bleibt aber an der Oberfläche. Das fand ich schade.