Es wird wieder Tag

Roman. Mit Lesebändchen.
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Minka Pradelski zeichnet ein bewegendes Bild der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Drei Perspektiven einer jüdischen Familie fügen sich zu einem spannend erzählten und zutiefst berührenden Panorama.
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Produktdetails

Titel: Es wird wieder Tag
Autor/en: Minka Pradelski

ISBN: 3627002776
EAN: 9783627002770
Roman.
Mit Lesebändchen.
Frankfurter Verlags-Anst.

1. September 2020 - gebunden - 384 Seiten

Beschreibung

Deutschland nach 1945: Klara und Leon haben überlebt - mit der Geburt ihres Sohnes Bärel wollen sie die Erinnerungen an Lager, Flucht und Verfolgung hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Doch eine erschütternde Begegnung zwingt Klara, die dunklen Kapitel erneut aufzuschlagen.

Eisblumen am Fenster sind der einzige Schmuck bei der Trauung von Klara und Leon Bromberger im Januar 1946. Eine Feier ohne Familie, Klara und Leon sind die einzigen Überlebenden, nur eine goldene Armbanduhr ist als Andenken geblieben. Mit der Geburt ihres Sohnes Bärel - er ist das erste jüdische Kind seit Kriegsende, das in Frankfurt in einem katholischen Krankenhaus geboren wird - soll die Zeit endlich vorwärtslaufen. Doch dann, bei einem Spaziergang im Park, trifft es Klara wie ein Schlag: In einer kleinen, sichtlich schwangeren Frau erkennt sie Liliput, ihre ehemalige Oberaufseherin im KZ. Klara steht unter Schock, hört auf zu sprechen und Bärel zu versorgen. Ihr Mann ist verzweifelt, er sieht nur einen Ausweg: »Schreibe, Klara, schreibe. Bann das Böse auf Papier! Fessele es mit deinen Worten!« Und Klara wagt den Blick in den Abgrund, zurück ins Leben. Sie schreibt: über das elegante Schuhgeschäft ihres Vaters, die hübsche Pescha, das Ghetto Zamosc und den hastigen Abschied von ihren Eltern, die Flucht, die seltsam blitzenden Augen der alten Piasecki, die verführerisch schöne Hanka und ihre Arbeit im Kasino in Radom, der Höhle des Löwen, über das Lager und Marthas glockenhelles, unvergessliches Ave-Maria - und über die zierliche, eiskalte Oberaufseherin mit der Kinderstimme, die sie Liliput nannten.
In »Es wird wieder Tag« erzählt Minka Pradelski die zutiefst tragische und berührende Geschichte von Klara, verbindet sie mit Bärels ebenso allwissendem wie frechem Säuglingsblick auf die Welt und dem rauen, zupackenden Temperament Leon Brombergers zu einem bewegenden Panorama. Kenntnisreich und mit viel Feingefühl leuchtet Pradelski die Zwischenwelt aus, in der sich ihre Figuren in der Nachkriegszeit befinden: Dem Tod genauso nah wie dem Leben, ringen sie um eine Zukunft.

»Wie meisterhaft Minka Pradelski über dieses Kapitel der Geschichte schreibt, ist große Kunst auf dünnem Eis. Sie kann das, und sie darf das! Ein ganz wunderbares Buch, ich bin mehr als begeistert.« Iris Berben

Portrait

Minka Pradelski, 1947 als Tochter Überlebender im DP-Camp Zeilsheim geboren, studierte Soziologie in Frankfurt am Main und arbeitete danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Clemens de Boor im Sigmund-Freud-Institut an dem Projekt »Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit«. Darüber hinaus war sie viele Jahre ehrenamtlich für die USC Shoah Foundation tätig. Sie lebt in Frankfurt am Main. Nach ihrem erfolgreichen Roman »Und da kam Frau Kugelmann« folgt mit »Es wird wieder Tag« ein wichtiges Buch über ein Kapitel deutscher Geschichte, dessen Zeitzeugen schwinden.

Leseprobe

An Liliput dachte ich nach langer Zeit wieder, kurz nach Bärels Geburt in einem katholischen Krankenhaus von Frankfurt. Ruckartig wachte ich auf, meinte, sie hätten mich im Entbindungszimmer vergessen. Der schmale Raum war bereits in abendlich blaues Licht getaucht. Ein eisiger Wind blies um das Krankenhaus, zerrte an den Sturmhaken der Doppelfenster. Graue Wolldecken, der Länge nach auf der Fensterbank ausgelegt, schützten das Zimmer nur notdürftig vor der eindringenden Kälte. Jemand öffnete die Türe, knipste das Licht an. Eine Schwesternschülerin trat ein. Außer einer knappen Begrüßung, die sie gleichsam in das Zimmer hineinsprach, schwieg sie. Sie war kaum älter als ich. Das Haar trug sie unter der blauen Haube zu einem blonden Knoten gewickelt, mit gewellten Haarklammern im Nacken festgezurrt. Schwelendes Feuer war unter der Servilität zu spüren, zu der die blaue Haube sie verpflichtete. Wie groß mochte die Freude sein, wenn sie nach Dienstschluss aus der steifen Tracht schlüpfte. Ihre makellose weiße Haut sah aus, als ginge sie nahtlos in das saubere Weiß ihres Kittels über. Aus beiden Ärmeln wuchsen ihre hellblond behaarten Arme heraus und hoben mich wie ein Fliegengewicht auf das fahrbare Krankenbett. Ich zitterte vor Schwäche, verdrossen beneidete ich sie um ihre ausgeschlafene Frische. Krankenschwestern waren wohl nie bettlägerig. Mit dem despektierlichen Blick einer Pflegerin, die kein Leid erschüttert, schob sie mich barsch in die Mitte des Bettes, bis ich kerzengerade lag, deckte mich mit einem ausgebleichten, ehemals längs gestreiften Baumwollbettbezug zu, den sie meine Füße unterfütternd umschlug. Zweifellos hätte sie mich auch angegurtet, wenn sie am Bettgestell einen Riemen vorgefunden hätte. Ihre Hände umklammerten das Kopfteil des Gestells, dessen oberste helle Lackschicht, rissig geworden, graugrün schimmerte. Sie schob mich durch ein Labyrinth von spärlich beleuchteten, nach Tannenzapfen riechenden Korridoren, manövrierte mein Bett geschickt um schmale Ecken. Immer schneller wurde sie, an der grauen Decke flogen die quadratischen Gipskassetten über mich hinweg. Ihr Ehrgeiz bestand darin, das fahrbare Bett in der Mitte des Korridors in Schwung zu bringen und bis zum Krankenzimmer zentriert in Fahrt zu halten, ohne nach rechts oder links auszuweichen. Sie hatte sich wohl ein inneres Punktesystem auferlegt, das sich nur durch ein tägliches Soll erfüllen ließ. Voraussetzung war, dass die Patientin sich ruhig verhielt und nicht etwa kollabierte. Sie vermied es, die Frauen anzusehen, hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Fragen unbeantwortet zu lassen. »Nicht so schnell«, bat ich die Schwester, die Worte in der Sprache, die mir noch nicht so geläufig war, langsam betonend. Nach einer Weile sagte sie: »Die Nächste wartet schon.« »Nicht barfuß in beißender Kälte«, erwiderte ich und wusste zugleich, dass sie mir darauf nicht antworten würde. Dabei sehnte ich mich nach gutem Zuspruch, einem aufmunternden Wort. Vor ein paar Stunden hatte ich aufrecht auf zwei Beinen das Krankenhaus in der ruhigen Gewissheit betreten, zu den Gesunden zu gehören. Die Geburt sei ein natürlicher Vorgang, keine Krankheit, dachte ich, aber sie ließ mich geschwächt als bettlägerige Kranke zurück. Fröstelnd zog ich die wärmende Decke wie eine schützende Außenhaut um mich. Ich glaubte, das Bett lange Zeit hüten zu müssen. Erschrocken stellte ich fest, dass ich gerade auf Gedeih und Verderb den schiebenden Händen einer Unbekannten ausgeliefert war, nur an ihrer Haube zu identifizieren, eine Person, die ich nicht kannte, geschweige denn ihre Gedanken. Heftig schaukelnd lag ich in meinem rollenden Bett wie in einem überdimensionalen Kinderwagen. Ein Kind lässt sich im blinden Glauben an ein glückliches Ende der Spazierfahrt schieben, ich aber vertraute niemandem mehr.

Pressestimmen

"Wie meisterhaft Minka Pradelski über dieses Kapitel der Geschichte schreibt, ist große Kunst auf dünnem Eis. Sie kann das, und sie darf das! Ein ganz wunderbares Buch, ich bin mehr als begeistert."
Iris Berben
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Stefan G.
von Stefan G. - Hugendubel Buchhandlung Frankfurt am Main Steinweg - 20.11.2020
Ein ausgezeichneter Roman! Minka Pradelski erzählt kenntnisreich und äußerst beeindruckend vom Überleben der Shoah, der "Zwischenzeit" in DP-Lagern und der Sehnsucht, ein neues Leben zu beginnen. Doch das ist, wie Pradelski beeindruckend beschreibt, ein unmögliches Unterfangen. Die Erinnerung an das Grauen holt einen [...] wieder ein.
Bewertungen unserer Kunden
Schreiben, um zu verdauen...
von Susanne Probst - 09.01.2021
Frankfurt nach dem 2. Weltkrieg. Bärel wird 1946 als erstes jüdisches Kind nach Kriegsende in einem katholischen Krankenhaus geboren. Seine Eltern Klara und Leon haben das Grauen der Nazizeit als einzige Überlebende ihrer Familien überlebt. Mit der Geburt ihres Sohnes soll der Schrecken endgültig der Vergangenheit angehören. Sie soll Neubeginn, Leben und Glück markieren. Und dann passiert eines Tages in einem Park ein einschneidendes Erlebnis. Klara begegnet während eines Spaziergangs mit Bärel im Kinderwagen ihrer ehemaligen KZ-Oberaufseherin Liliput. Es ist ein Augenblick, der sie schlagartig retraumatisiert und, nachdem sie panisch weggerannt ist, paralysiert. Klara verfällt in eine Schockstarre, sperrt sich zu Hause ein, hört auf, zu sprechen und Bärel zu versorgen. Leon ist verzweifelt und überfordert und hat dann einen brillanten Einfall, als er seiner Frau empfiehlt, all ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle niederzuschreiben. Klara befolgt den Rat und bringt ihre Erinnerungen zu Papier. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort und Satz für Satz füllen sich die Seiten. Klara schreibt aber nicht nur über die unmenschliche Zeit im Lager, sondern auch über das Schuhgeschäft ihres Vaters, über den überstürzten Abschied von ihren Eltern, die sie regelrecht wegjagten, um sie zu retten, über die furchtbare Zeit auf der Flucht, bei der sie sich als 13-jährige mit einem Decknamen als Deutsche tarnte, über die Trauer um Familienmitglieder uvm. Alles schreibt sie sich von der Seele. Es ist eine regelrechte Schreibtherapie. Klara durchlebt dabei entsetzliche Qualen, Rache-Phantasien und Gerechtigkeitswünsche und durchschreitet dabei tiefste Dunkelheit... aber ¿Es wird wieder Tag¿. Das wird auch schon auf dem farbenfrohen und beschwingten Cover angedeutet, das erstmal nicht zu dem grauenhaften Thema zu passen scheint. Auf diese Weise erfahren wir die tragische und ergreifende Geschichte von Klara. Auch die die Perspektive Leons sowie Bärels Säuglingsblick und seine Sicht der Dinge beleuchten die Geschehnisse. Diese Perspektive muss man mögen. Sie ist gewagt, gewöhnungsbedürftig und bestimmt nicht jedermanns Sache, aber wenn man bereit ist, sich an dieser Stelle auf ein etwas phantastisches Abenteuer einzulassen, kann man vielleicht seinen Gefallen daran finden. Außerdem ändert sich die Erzählperspektive nach ca. 40 Seiten und spätestens ab da ist das Buch ein 5 Sterne Roman. Und was sind schon 40
Zeichen gegen das Vergessen
von Lesendes Federvieh - 10.11.2020
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges heiraten Klara und Leon Bromberger. Sie sind die einzigen Überlebenden ihrer Familie. Nachdem ihr Sohn Bärel geboren wurde, scheint ihr Familienglück perfekt. Doch dann trifft Klara zufällig im Park auf eine schwangere Frau, sie erkennt in ihr augenblicklich ihre ehemalige KZ-Oberaufseherin Liliput. Eine Welt bricht für Klara zusammen. Sie steht unter Schock. Leon sieht nur einen Ausweg, Klara muss sich ihren Schmerz und ihre qualvolle Vergangenheit buchstäblich von der Seele schreiben. Zeile um Zeile füllen sich die Seiten... Minka Pradelski hat mit ihrem Roman Es wird wieder Tag eine bewegende Familiengeschichte geschrieben. Auf einfühlsame Art und Weise erzählt sie vom Schicksal jüdischer Familien während und nach dem Zweiten Weltkrieg und gibt ihnen mit Klara, Leon und Bärel ein Gesicht. Einen Großteil des Buches nimmt dabei Klaras schreckliche Zeit auf der Flucht und im Lager ein. Sie schildert aber auch eindrucksvoll den Versuch Klaras und Leons sich in der Nachkriegszeit wieder ein normales Leben aufzubauen. Doch was ist ein normaler Alltag, wenn überall die Täter ungeschoren weitermachen können, als wenn nichts geschehen wäre. Gerade das hat die Beklemmung, die ich beim Lesen über soviel Grauen und Unrecht verspürt habe, noch verstärkt. Diese umfassende Erzählweise, also die Geschichte nach dem Ende des Krieges noch weiterzuerzählen, hat mir besonders gut gefallen. In vielen Büchern zu diesem Thema erfährt man nicht mehr, was aus den Geretteten geworden ist und das finde ich immer schade. Absolut neu war für mich der Einstieg in die Thematik des Buches aus der Perspektive des Säuglings Bärel. Das war zunächst gewöhnungsbedürftig, passt aber. Mit seinen glasklaren Bemerkungen trifft er so einiges messerscharf auf den Punkt. Minka Pradelski hat mit diesem beeindruckenden, spannenden und aufwühlenden Buch ein beeindruckendes Zeichen gegen das Vergessen gesetzt.
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