
Unverwandt, geheimnisvoll, ehrlich -
Monika Helfer erzählt aus ihrer Kinderzeit
Als Monika Helfer noch klein war, war sie ein Mädchen, das Glück und Traurigkeit gut kannte. Manchmal hatte sie Angst, aber gerade dann war sie unerschrocken. Saß stundenlang in einem stillgelegten Brunnen, um die Einsamkeit kennenzulernen. Ging in den See hinein, obwohl sie gar nicht schwimmen konnte. Lief im Trotz hinaus in die Gewitternacht. An ihrer Seite hatte sie oft ihre Schwester. Die beiden Mädchen hielten unverbrüchlich zueinander, durch manchen Streit, durch kummervolle Zeiten hindurch.
Zehn kostbare Geschichten von früher - erzählt in einem kindlich ernsten, anziehenden Ton, wie ihn nur Monika Helfer anstimmen kann. Die Bilder von Linus Baumschlager nehmen ihn auf und versetzen uns in eine schimmernde Welt, die fast vergangen ist. Fast.
Besprechung vom 27.10.2025
Der Ziegenbock war wirklich da
"Wir Kinder von früher": Monika Helfer sucht nach Schokolade und findet vielleicht die Muttergottes
Es braucht keine Marienerscheinung und keine Gottesdienste, um ein Gewissen, zumal ein schlechtes, zu haben. Aber ein religiöser Unterbau befördert die Gewissensbisse ungemein. In diesem nicht näher umrissenen Früher, in dem man Rosinen noch im Laden in kleinen Säcken kauft und als Kind am Dienstag mit straffen Zöpfen die Frühmesse besucht, gibt es viel zu bedauern. Väter müssen Kinder strafen, wenn andere zusehen, und sich hinterher entschuldigen: "Es wurde von mir erwartet."
Man schaut auf die anderen und fragt sich, was die Leute denken, man schaut nach innen, wie man es lernt, und nimmt etwas Dunkles wahr. "Ich war zwei Monikas, eine, die trotzig war, und eine, die sich über den Trotz wunderte", erzählt Monika Helfer über das Kind, das sie einst gewesen ist. Und wie sie da so in ihrem Trotz nachts, im Nachthemd, den Bach entlanggeht, aus einem merkwürdigen inneren Drang heraus, da sieht sie ein blaues Licht. "So, dachte ich, das ist sie nun. Das ist die Muttergottes."
Man möchte ein gutes Kind sein und kann es doch manchmal nicht. Im Streit um eine Tafel Schokolade droht Monika der Schwester, ihr nachts im Schlaf die Zöpfe abzuschneiden und an einen Friseur zu verkaufen. Vor Schreck gibt die Schwester, immer ein bisschen frommer, immer ein bisschen altruistischer als sie, Monika die Tafel. Doch die mag sie nicht mehr essen. Das Gewissen wird gar nicht erwähnt. Nur der Satz: "Kannst die ganze haben. Entschuldigung."
Es gibt viel Schuld und Schrecken, aber auch viel Liebe und Süße in den geheimnisvollen kurzen Geschichten einer Kindheit, die Monika Helfer erzählt. Schon der Titel "Geheimnis", ohne Artikel, hat beinahe etwas Forderndes, das ein vierzeiliger Prolog aufnimmt. "Was gibst du mir, wenn ich es verrate?", lautet der erste Satz. Helfer aber fordert weder Zöpfe noch Schokolade, um ihre Geschichten zu verraten. Es ist ein ebenso schlichtes wie raffiniertes Preisgeben. Helfer erzählt knapp, und sie erzählt vieles, indem sie es nicht beschreibt. Das ist eine hohe Kunst, die einzig eine hohe Aufmerksamkeit und eine Zuwendung zu diesem Kind verlangt, das da erinnert wird. Das fällt leicht. Denn einem Mädchen, das an drei Tagen hintereinander über eine Leiter in einen ausgetrockneten dunklen Brunnen klettert, um etwas herauszufinden, bis ein Ziegenbock in das Loch plumpst, der höflich ist, aber stinkt, folgt man gerne durch seine Fährnisse. Erst recht, wenn der Ziegenbock gar nicht da gewesen ist. Oder doch?
Mit dem, was landläufig als Autofiktion bezeichnet wird, hat Helfer, 1947 in Vorarlberg geboren, wo sie heute wieder lebt, zusammen mit ihrem Mann und Kollegen Michael Köhlmeier, in den vergangenen Jahren eine ungeheure Karriere gemacht. Geschrieben hat sie ihr Leben lang, auch einige Kinderbücher, aber erst jenseits der 70 ist sie zur Bestsellerautorin geworden mit "Die Bagage" (2020) über ihre Familie, mit "Vati" (2021), dem Roman über ihren Vater, der für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen ist, und mit "Löwenherz" (2022) über ihren Bruder. Ihr jüngstes Buch ist eine Sammlung von 365 äußerst kurzen Kurzgeschichten gewesen. Zu alledem schlägt "Geheimnis" nun gewissermaßen eine Brücke.
In der Reihe der Zeitreisen namens "Wir Kinder von früher", mit denen der Klett Kinderbuch Verlag ein ausgesprochen schönes literarisches Unternehmen begonnen hat, ist dieser fünfte Band wohl der bislang forderndste. Die ganze Reihe richtet sich an alle Personen von sieben Jahren an, für Helfers Geschichten aber wird es gut sein, wenn die allein lesenden Kinder jemanden für sich haben, der ungefähr so ist wie die Eltern, an die sich Helfer erinnert: die Mutter die Güte und Liebe selbst, der Vater ein Verletzter und ein Büchermensch, der die Kinder auch lehrte, der Phantasie zu trauen: "Alles ist möglich, und sogar Dinge, die man nicht für wahr halten kann, passieren trotzdem."
Denn gerade das Karge und Tiefe der Erzählungen, das Rätselhafte und Todtraurige auch, das Helfer ganz schlicht schildert, das Böse, das einbricht, mit schlagenden Eltern, lügenden Kindern, herzlosen Klassenkameradinnen, es will geborgen werden. Dazu tragen die Illustrationen des 1982 geborenen Vorarlbergers Linus Baumschlager bei, der Schwarz-Weiß-Grafiken im Text mit seitenfüllenden farbigen Gemäldereproduktionen verbindet.
Helfer erzählt auch, wie ihre geliebte Mutter starb, als sie gerade elf Jahre alt war. Und auch in der kurzen Geschichte "Die Maus" erzählt sie meisterhaft eine Leerstelle: die der Angst, schuld am Tod der Mutter zu sein. Das Erzählen hat sie begonnen, um eine Welt zu erfinden, heißt es am Ende. "So lebe ich in einem fort / Bin eine alte Frau / Wer weiß, wie alt ich werde / Wenn ich nur meinen Verstand nicht verliere". EVA-MARIA MAGEL
Monika Helfer: "Geheimnis". Wir Kinder von früher.
Mit Bildern von Linus Baumschlager. Klett Kinderbuch, Leipzig 2025. 80 S., geb., 16,- Euro. Ab 10 J.
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