Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.
Ein Ehepaar verstirbt bei einem tragischen Autounfall in der Mojave-Wüste. Zurück bleiben die drei Töchter des jetzt in zweiter Ehe verheirateten Vaters, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und die sich nun mit sehr, sehr viele Fragen und Aufgaben konfrontiert sehen im ZUsammenhang mit einem möglichen Erbe.
Die Schweizer Journalistin und Schriftstellerin Nadine Hostettler legt mit "Schön, Reich. Tot." ein umfassendes Werk vor, in dem zahlreiche Themen verarbeitet sind und dem über allem eine große Melancholie liegt.
Der Roman ist in fünf große Abschnitte unterteilt, die nicht der zeitlichen Chronologie folgen, sondern immer ein anderes Familienmitglied der verschiedenen Generationen der Familie Borel unter die Lupe nimmt. Umrahmt wird dies jeweils von treffenden Zitaten. Während der Fokus klar auf den drei Schwestern liegt, kann man aber auch die Veranlagung der bösen Seele aufgrund schlimmer Taten in der Vergangenheit nachverfolgen. Für mich machte es dieses Konstrukt aber schwer zu lesen, denn viele Dinge, die aufgeworfen wurden, kamen zu keinem Abschluss und bei anderen fiel die Einordnung in den Kontext etwas schwer.
Familiensagen sind spätestens seit Thomas Mann eine eigene literarische Kategorie - und auch hier werden verschiedenste Figuren in ihren Zeiten (der Roman beginnt in der Schweizer Uhrenstadt Aureole zu Beginn des Ersten Weltkriegs und endet nach der globalen Finanzkrise in Kalifornien), aber auch in ihren erlebten und vererbten Mustern hervorragend zu Leben erweckt. Der Transfer in die heutige Zeit erscheint geglückt.
Der Schreibstil ist manchmal etwas sperrig und von großer Traurigkeit überlagert; Spannung ist eher nicht zu finden, obgleich ich diese nach dem ungeklärten Todesfall zu Beginn eigentlich erwartet hatte.
Zentraler Angelpunkt ist dabei die Suche nach der eigenen Identität und dem Sinn des eigenen Lebens. Nadine Hostettler schafft es, das Scheitern, Aufstehen und Verzweifeln verschiedener Figuren hauptsächlich Frauen eindrücklich auf den Punkt zu bekommen. Aber auch das Streben nach Geld und Macht (sehr treffend am Vater der Schwestern verbildlicht, der nach Amerika kam, um vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden) und dem Finden der Heimat sind weitere wichtige Aspekte des Romans und vieler Leser*Innen. Hier besonders einprägsam empfand ich die zweite Ehefrau des Vaters, die allein aufgrund ihrer Abstammung im weißen Amerika immer zu kämpfen hatte.
Keine der Figuren würde ich als sympathisch bezeichnen, was auch Sinn der Sache zu sein scheint, doch mir das Mitfühlen sehr erschwerte. Die Fülle an nachvollziehbaren, aber auch völlig skurilen Figuren ist schier überwältigend und ich musste mich anstregenden, hier nicht den Überblick zu verlieren. Allerdings habe ich ein Problem mit der Drogenverherrlichung im Text.
Auch wenn viele Fragen offen bleiben, ist das Ende für mich stimmig und zufriedenstellend.