Im Zentrum von "Und Federn überall" von Nava Ebrahimi steht eine fiktive Kleinstadt im Emsland, in der sich innerhalb eines Tages die Wege von sechs Figuren kreuzen, deren Leben auf unterschiedliche Weise von einem Geflügelschlachthof abhängen.Da ist der sehbehinderte afghanische Dichter Nassim, der auf Anerkennung und ein Bleiberecht hofft, die polnische Pflegekraft Justyna, die zwischen finanzieller Verantwortung und persönlicher Sehnsucht schwankt, sowie die alleinerziehende Sonia, die am Fließband ums Überleben kämpft und die Ingenieurin Anna, die eine neue Rationalisierungssoftware im Schlachthof installiert und dabei vom Prozessoptimierer Merkhausen überwacht wird, der Effizienz über Empathie stellt.Beobachtet und lose verbunden werden die Protagonist:innen durch Roshi, eine Schriftstellerin, die zur Übersetzung von Nassims Gedichten anreist und deren Geschichte als einziges in der Ich-Form erzählt bekommen. Das fand ich sehr spannend und hat wunderbar zur Geschichte gepasst, genauso wie der präzise und atmosphärische Schreibstil, der von einem feinen Humor begleitet wird.Besonders interessant fand ich aber die historischen Hintergründe der polnischen Geschichte in der Region, die bis in die Nachkriegszeit zurückreicht. Darüber hat die Autorin auch einiges in ihrer Lesung im Literaturhaus in Köln erzählt, die ich schon im Oktober besucht habe. Dadurch konnte ich noch einmal einen ganz anderen Zugang zu dem Roman erhalten und beim Lesen viel verknüpfen.Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch, durch die vielen Themen und Perspektiven wirkte die Geschichte etwas überladen und nicht jede Figur erhält die gleiche emotionale Tiefe.Für mich trotzdem ein kluger und vielschichtiger Roman, der lange in mir nachhallt und dessen erzeugte Bilder sich wirklich stark eingeprägt haben.