REZENSION Aus einem ungewöhnlichen, dafür literaturhistorisch umso interessanteren Blickwinkel betrachtet der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay (65) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Buch Entscheidung in Spanien den großen Kampf der Literatur in den Jahren des spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939. Als gelernter Journalist liefert er eine Reportage des Kriegsverlaufs aus Sicht von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen, verbindet biografische Episoden mit den historischen Ereignissen und zeigt, wie sehr politische Überzeugungen durch persönliche Erlebnisse und Schicksale enttäuscht werden und ins moralische Dilemma führen können.
Chronologisch und regional klar gegliedert, schildert der Autor den Fortgang des Bürgerkriegs zwischen den republikanisch-demokratischen Regierungstruppen und den militärisch gut ausgerüsteten konservativ-faschistischen Truppen, deren alleiniges Kommando erst später General Francisco Franco (1892 bis 1975) übernimmt, unterstützt von einer unter dem Codenamen Unternehmen Feuerzauber verdeckt operierenden deutschen Fliegereinheit und faschistischen Einheiten Italiens. Dieser Aufstand gegen die demokratische Regierung Spaniens ist kein landesinterner Bürgerkrieg, sondern der Beginn des im folgenden Jahrzehnt andauernden Kampfes der Demokratie gegen den sich in Europa ausbreitenden Faschismus.
In dieser Erkenntnis machen sich tausende Freiwillige aus 50 Ländern nach Spanien auf, um der bedrängten Republik im Bürgerkrieg beizustehen unter ihnen auch politisch links stehende oder kommunistisch geleitete Reporter und Schriftsteller wie Ernest Hemingway, Robert Capa, George Orwell, Simone Weil, Willy Brandt und viele andere. Ihnen setzt Paul Ingendaay, der 15 Jahre als Kulturkorrespondent für die FAZ aus Spanien berichtete, ein literarisches Denkmal und erzählt von ihren Kämpfen mit Waffe, Stift und Fotoapparat.
Schriftsteller und Künstler stecken in einem Dilemma, schreibt er in seinem Buch. Kümmern sie sich um ihre Kunst und nichts anderes, wirft man ihnen vor, sie versteckten sich im Elfenbeinturm. Kommen sie aus dem Turm heraus und erheben die Stimme für ein politisches Anliegen, heißt es schnell, sie produzierten nur leeres Gerede. An den unterschiedlichen Biografien ausgewählter ausländischer und spanischer Literaten zeigt Ingendaay, wer sich aus jugendlicher Abenteuerlust oder aus politischer Überzeugung auf republikanischer Seite aktiv beteiligt, sei es in Todesgefahr Seite an Seite mit den Soldaten an vorderster Front kämpfend oder eher nur schreibend als Beobachter rückwärtig in der Etappe. Eine besondere Rolle nimmt dabei der spanische Dichter Federico García Lorca (1898 bis 1936) ein, der schon zu Beginn des Krieges von faschistischen Kämpfern verhaftet und kurz darauf erschossen wurde. Der Bürgerkrieg wurde für ihn wie für alle anderen zum intellektuellen und moralischen Prüfstein.
Ingendaay macht in seinem Buch deutlich, wie stark der Krieg die Literatur geprägt hat. Werke wie Orwells Mein Katalonien, Hemingsways Wem die Stunde schlägt oder das Buch "Ein spanisches Testament" von Arthur Koestler, der von Franquisten gefangen genommen und als angeblicher Spion standrechtlich zum Tod verurteilt wurde, entstanden aus unmittelbarer Erfahrung. Ihre eigenen Beobachtungen bringen die Französin Simone Weil zu einer Erkenntnis, die wie eine Vorhersage für die nachfolgende Brutalität der Nazi-Dikatur klingt: Wenn man weiß, dass man töten kann, ohne eine Strafe oder einen Vorwurf zu riskieren, tötet man; oder man lächelt zumindest denen, die töten, aufmunternd zu.
Entscheidung in Spanien ist gewiss keine einfache Lektüre. Die Vielzahl von Namen, literarischen Bezügen und Details des Kriegsgeschehens wirken überladen und stellenweise vermisst man den roten Faden. Dennoch fasziniert die kenntnisreiche und vielschichtige Abhandlung sicher nicht nur literaturhistorisch interessierte Leser als eine Reflexion über Bedeutung und Wirkung der Literatur in Zeiten politischer Extreme, verbunden mit der Frage, wie weit Schriftsteller und Reporter für ihre eigene politische Entscheidung gehen oder kämpfen sollen.