sehr feinfühlig und ohne Theatralik erzählt Pellini vom Leben und Sterben eines Demenzkranken
Mit "Der Bademeister ohne Himmel" ist Petra Pellini ein bemerkenswertes Romandebüt gelungen. Die österreichische Autorin ist diplomierte Krankenschwester und war über mehrere Jahre in der Betreuung von Menschen mit Demenz tätig. Diese Erfahrung prägt den Roman spürbar und verleiht ihm eine besondere Authentizität.Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine jugendliche Ich-Erzählerin, die ihr Taschengeld aufbessert, indem sie mehrmals pro Woche einem 86-jährigen dementen Nachbarn Gesellschaft leistet. Die Tochter dieses ehemaligen Bademeisters bezahlt sie dafür, damit die polnische 24-Stunden-Pflegekraft etwas Freizeit erhält. Aus dieser zunächst unscheinbaren Konstellation entwickelt sich eine berührende, aber auch lustige Geschichte über Erinnerung, Verlust, Würde und Menschlichkeit.Als sehr bereichernd empfand ich, wie Pellini Demenz darstellt. Momente der Orientierung wechseln sich mit Verwirrung ab, Vergangenheit und Gegenwart werden unscharf und vermischen sich. Gerade diese Unschärfe macht den Roman so eindringlich. Demenz erscheint nicht als klar definierter Zustand, sondern als langsame Verschiebung von Wirklichkeit. Fähigkeiten gehen verloren, kehren aber manchmal überraschend und für kurze Zeit zurück. Pellini beschreibt diese Prozesse mit großer Sensibilität und einem spürbaren Verständnis für die Betroffenen.Gleichzeitig zeigt der Roman eindrucksvoll, welche Auswirkungen eine Demenzerkrankung auf das gesamte Umfeld hat. Man kann erahnen, wie sehr die Pflege eines Angehörigen familiäre Beziehungen verändert, welche emotionalen Belastungen damit verbunden sind und welche organisatorischen Herausforderungen bewältigt werden müssen. Dabei geht es immer wieder um die Frage, wie man sich im Umgang miteinander Menschlichkeit, Geduld und Respekt bewahrt - auch dann, wenn die eigenen Grenzen erreicht werden und ein geliebter Mensch sich so stark verändert, dass man ihn kaum noch wiedererkennt.Bemerkenswert ist außerdem der Ton des Romans. Angesichts der Schwere seiner Themen hätte die Geschichte leicht bedrückend werden können. Stattdessen erzählt Pellini oft überraschend leicht, stellenweise sogar ausgesprochen humorvoll. Situationskomik lockert die Handlung immer wieder auf, ohne die ernsten Aspekte zu verharmlosen. Gerade diese Balance zwischen Ernst und Leichtigkeit ist der Autorin hervorragend gelungen. Man merkt einfach, dass sie jahrelange Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Demenz gesammelt hat und deren Alltag nicht nur in seinen tragischen, sondern auch in seinen komischen Momenten kennt.Auch die jugendliche Erzählerin wirkt insgesamt glaubwürdig. Gelegentlich verwendet sie Ausdrücke aus der Jugendsprache - oft genug, um authentisch zu wirken, aber nie so häufig, dass es bemüht oder gar lächerlich erscheint.Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch. Die suizidalen Gedanken der jungen Protagonistin erschienen mir nicht ausreichend nachvollziehbar. Zwar erfährt man von ihrem gewalttätigen Vater, von dem sich die Mutter getrennt hat, und davon, dass sie sich von vielen Erwachsenen missverstanden fühlt und sich dem schulischen Leistungsdruck verweigert. Dennoch blieb für mich die Frage offen, warum diese Belastungen bei ihr so weit gehen, dass sie wiederholt daran denkt, sich vor ein Auto zu werfen. Dieser Handlungsstrang hätte für mein Empfinden etwas mehr psychologische Unterfütterung vertragen können.Abgesehen davon ist "Der Bademeister ohne Himmel" ein rundum gelungener Roman. Er berührt, regt zum Nachdenken an und vermittelt auf eindrucksvolle Weise, was Demenz für Betroffene, Angehörige und Pflegepersonal bedeutet. Vor allem aber steckt er voller Anregungen, wie wir Menschen mit Demenz liebevoll, fürsorglich, geduldig und kreativ begegnen können. Große Leseempfehlung!