Anhand drei Generationen einer chinesischen Einwandererfamilie lässt Autorin Rachel Khong den amerikanischen Traum aufleben - und wieder untergehen.
May erlebt die schreckliche Hungersnot, die in China Millionen das Leben gekostet hat. Als dann das kommunistische Terrorregime immer mehr um sich greift, gelingt ihr die Flucht in die USA, wo sie eine Tochter bekommt und als Biologin arbeitet. Tochter Lily wiederrum leidet unter ihrer distanzierten Erziehung. Nicht wirklich arm, sieht Lily sich aber doch dem Vergleichs- und Konsumdruck des Kapitalismus ausgesetzt, der sie letztendlich in die Arme des reichen Matthew treibt. Mit ihr bekommt sie den Sohn Nick, der zwar durch Lily Halbchinese ist, aber völlig weiß aussieht wie sein Vater.
Die Geschichte ist nicht analog geschrieben, sondern startet aus der Perspektive von Lily. Hier ist der Erzählstil distanziert und fast beiläufig. Man spürt deutlich, dass Lily Identifikationsprobleme hat, mithalten möchte und ihren Platz in der Gesellschaft nicht richtig gefunden hat. Sie arbeitet als nicht bezahlte und später unterbezahlte Kraft unter einem rassistischen Chef. Erst der priviligierte Matthew kann sie dort rausholen und ihr die Wahloption geben, wo bei er ihr regelmäßig Geld auf ihr Konto überweist. Immer wieder streut Lily Gedanken über ihre Mutter ein: sie hat ihr nie gesagt, dass sie sie liebt. Sie hat nie eigenes Parfum besessen. Sie hat nie mit ihr Chinesisch gesprochen, ihr nie chinesisches Essen gekocht. Dieser Teil ihrer Herkunft wurde komplett tabuisiert. Erst als Enkel Nick geboren wird, kann sich May etwas öffnen.
Um Nick geht es dann in dem zweiten Teil des Buches, und da kippte es etwas für mich ins Schwafelige. Ich kenne den ausschweifenden Erzählstil einiger amerikanischer Schriftsteller, und für mich wäre hier weniger mehr gewesen. Das letzte Drittel beschäftigt sich mit der Vergangenheit von May, und das hat mich widerrum abgeholt. Generell hätte ich nichts gegen eine analoge Geschichte nur über May gehabt.
Aber auch der letzte Abschnitt hatte wieder einige Längen, und die Charaktere waren für mich wenig in der Tiefe angelegt und haben teils zu symbolträchtig gehandelt. Schade; das hat mir dem Buch zum Ende hin einen ein wenig schalen Beigeschmack gegeben.
Alles in allem mochte ich den Roman, wobei mir tatsächlich der historische Abschnitt am meisten gefallen hat. Ich glaube sogar, ich hätte eine Geschichte nur rund um May richtig gut gefunden. Mir haben die Charaktere zu oberflächlich agiert. Immer wieder und besondees zum Schluss hin hatten sie plötzliche Handlungen und man wusste nicht, was sie plötzlich dazu getrieben hat, z.B wie May 2000 $ an eine Obdachlose geschenkt hat.
Interessant ist natürlich die Diskussion um Genmanipulation und deren ethische Grundsätze. Dass May kein lebensverlängerndes Medikament möchte und so zeigt, dass man ihren Willen über ein selbstbestimntes Leben letztendlich nicht brechen kann, hat mir gut gefallen.
Der Trend, alles zu perfektionieren, für immer jung zu bleiben und möglichst lang zu leben ist ja auch zu uns nach Europa rübergekommen. Müssen wir eigentlich den Amis alles nachmachen? Muss jeder für sich entscheiden.