
Besprechung vom 16.09.2025
Erst Sippenhaft, dann Armutsrisiko
Angehörige der Hitler-Attentäter und Mitverschwörer, die überlebten, hatten es nach dem Krieg schwer. Das "Hilfswerk 20. Juli 1944" unterstützte sie.
Der Widerstand gegen Hitler und das Attentat in der Wolfsschanze vom 20. Juli 1944 sind gut erforscht. In den letzten Jahren hat auch die vielgestaltige Nachgeschichte des Widerstands große Aufmerksamkeit erfahren. Wie sich die Überlebenden und Angehörigen des 20. Julis 1944 jedoch nach Kriegsende organisiert haben, um sich Gehör zu verschaffen, wie sich diese "Schicksalsgemeinschaft" zu einer "Solidargemeinschaft" wandelte, wie die Überlebenden und Witwen der Widerstandskämpfer ihre materiellen, ideellen sowie emotionalen Ansprüche durchgesetzt haben, erarbeitete Barbara Lier in ihrer im Jahr 2020 erschienenen Dissertation über die Genese und Entwicklung des im Kern seit 1946 tätigen "Hilfswerks 20. Juli 1944". Das Selbsthilfegremium hat sie mit guten Argumenten als Musterbeispiel für "gelungene Erinnerungs- und Versorgungsarbeit" charakterisiert. Als Quellen- und Literaturgrundlage diente ihr Quellenmaterial aus zahlreichen staatlichen und privaten Archiven. Nun liegt mit der journalistischen Arbeit von Rainer Volk eine weitere Arbeit zum Hilfswerk vor. Sie bestätigt im Prinzip die Ergebnisse von Barbara Lier und kann sie an der ein oder anderen Stelle durch Archivfunde und Materialien ergänzen, die bislang noch nicht zugänglich waren.
Die Überlebenden hatten bis zum Kriegsende Verhaftungen, Schauprozesse und "Sippenhaft" erleiden müssen. Nach dem Ende des Dritten Reichs entstand das Hilfswerk, zu deren führenden Persönlichkeiten Renate Gräfin Hardenberg, der Jurist und spätere Richter am Bundesverfassungsgericht Fabian von Schlabrendorff, der spätere Präsident des Deutschen Bundestags Eugen Gerstenmaier und der CSU-Mitgründer Josef ("Ochsensepp") Müller zählten. Aber neben diese eher bürgerlichen Kräfte traten andere Mitstreiter: Emil Henk, Annedore Leber, der Augustinerpartner Augustin Rösch: Die Spannbreite der "Hilfsgemeinschaft" spiegelte in mancher Hinsicht die vielgestaltigen politischen und religiösen Milieus derjenigen wenigen Deutschen, die sich im Dritten Reich gegen Hitler erhoben hatten.
Von zentraler Bedeutung war in den ersten Jahren zunächst das Bemühen um eine angemessene Versorgung der Überlebenden, denn vor allem die Verschwörer aus dem militärischen Widerstand waren vor ihrem Prozess vor dem Volksgerichtshof aus der Wehrmacht ausgestoßen worden, wodurch ihre Angehörigen keinen Rechtsanspruch auf staatliche Versorgung hatten. Seit 1950 verstärkte sich der vertrauensvolle Austausch mit der Bonner Ministerialbürokratie, nicht zuletzt mithilfe von Ernst Wirmer, dem Persönlichen Referenten von Konrad Adenauer. Hier ging es nicht zuletzt um die materielle "Wiedergutmachung", wie der damalige Begriff lautete. Parallel dazu positionierte sich das Hilfswerk 20. Juli 1944 öffentlichkeitswirksam im sogenannten Remer-Prozess im Jahr 1952 und war damit erfolgreich, den Widerstand gegen Hitler zu rehabilitieren. Ansonsten legte sich die Stiftung in der "Ära Hardenberg" in tagespolitischen Fragen bewusst Zurückhaltung auf und konzentrierte sich auf die unabdingbare karitative Arbeit.
Das Jahr 1954 markierte sodann eine wichtige Zäsur. Die Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss zur zehnjährigen Wiederkehr des Umsturzversuchs vom 20. Juli war in Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk gut vorbereitet und geschickt formuliert. Der Widerstand gegen Hitler legte jetzt endgültig die Stigmatisierung des "Verrätertums" ab. Die Unterstützung von Publikationen von Autoren wie Gerhard Ritter und Annedore Leber zeugte vom Wunsch, in der Öffentlichkeit eine angemessene wissenschaftliche Darstellung und Würdigung des Widerstands zu erreichen. Auch die Jugendarbeit - bei der es darum ging, die vielfach traumatisierten Kinder des 20. Julis zu unterstützen - spielte eine große Rolle.
Unter Gertrud Lampe, der selbstbewussten und in mancher Hinsicht eigensinnigen Nachfolgerin von Renate von Hardenberg an der Spitze des "Hilfswerks", dynamisierte sich ab dem Beginn der 1960er-Jahre die Arbeit des Hilfswerks als Lobby-Einrichtung; die finanzielle Lage war in der "Ära Lampe" dank ausreichender institutioneller Förderung inzwischen ausreichend. Das Netzwerk verzweigte sich, wie das im europäischen Geist organisierte Jugendtreffen in Straßburg im Jahr 1960 und weitere Begegnungen unter anderem in Belgien in den folgenden Jahren zeigten.
Eine bemerkenswerte Jugendreise nach Israel wurde dank prominenter Unterstützung sogar zu einem politischen Ereignis. Studien aus der Feder von Hans Mommsen und Hermann Graml, die das Gesellschaftsbild des Widerstands kritisch beleuchteten, boten den Anlass und gaben Anstöße, um das Interesse an den Hitler-Gegnern aufrechtzuerhalten. Lediglich Kontakte zu Historikern, die im SED-Regime publizierten, wie etwa Kurt Finker, wehrte man im Kalten Krieg skeptisch ab, auch im Bewusstsein, dass die Hauptaufgabe des Hilfswerks die Aufklärung bei gleichzeitigem Respekt vor den Gefühlen der Hinterbliebenen sein müsse.
Das Hilfswerk, das in kurzer Zeit eine gewachsene und verwobene Gemeinde geworden war, erlebte aber zwanzig Jahre nach Gründung einen Umbruch, der mit einem Generationswechsel untrennbar verbunden war. Bislang schwelende Konflikte, die manchmal eher persönlicher als inhaltlicher Natur waren, entwickelten sich zu wahren Grundsatzdebatten. Die Differenzen wuchsen sich 1967/68 sogar zu handfesten Skandalen aus, zumal bestimmte Jüngere sich mit dem karitativen Zweck des Hilfswerks nicht mehr begnügen wollten. Die Älteren wie Fabian von Schlabrendorff und Emil Henk nahmen dies als Kampfansage wahr. In diese Zeit fielen auch nervenaufreibende Querelen mit Eugen Gerstenmaier, in der das Hilfswerk nicht sonderlich geschickt agierte, was schließlich dessen Austritt aus dem Kuratorium zur Folge hatte.
Das nicht ganz reibungslose Ende der "Ära Lampe" im Jahr 1973 ging mit einschneidenden personellen Änderungen und neuen Überlegungen zur Bewahrung des historischen Erbes des 20. Julis einher. In dieser Zeit wendete sich der Blick der Öffentlichkeit vom militärischen Widerstand zunehmend auf den nichtelitären Widerstand und andere Formen der "Resistenz". Die Erinnerung an das Stauffenberg-Attentat drohte sogar ins Abseits zu geraten. Manche Hinterbliebenen kritisierten, dass das Hilfswerk fast nur noch als Organisator von Gedenkfeiern auf sich aufmerksam mache. Zudem entzweite eine Rede des wegen seiner NS-Urteile umstrittenen Bundesratspräsidenten Hans Filbinger die Hinterbliebenen ausgerechnet bei den Gedenkfeiern zur dreißigjährigen Wiederkehr des Hitler-Attentats. Erst Seminare und Tagungen auf Burg Liebenzell brachten die Stiftung wieder auf Kurs:
Selbst marxistische Historiker wie Wolfgang Abendroth wurden nun Teilnehmer der Diskussionen. Mit der Gründung der "Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944" im Jahr 1973 entstand eine neue Organisation, die fortan für die wissenschaftlichen Aspekte zuständig war. Sie repräsentierte in mancher Hinsicht die "jungen Wilden" einer neuen Generation. Seit 1988 führte sie die jährliche "Königswinterer Tagung" durch, mit durchaus meinungsstarken Debatten, die wichtig in einer Zeit waren, in der die Zahl der Witwen und Waisen, die als "Schützlinge" und als Zeitzeugen des Kampfes gegen Hitler noch zur Verfügung standen, immer stärker abnahm.
All das ist seit der Kärrnerarbeit von Frau Lier und ihrer vor fünf Jahren erschienenen grundlegenden Arbeit hinreichend bekannt. Braucht man also noch zusätzlich eine weitere und in diesem Fall vergleichsweise knappe Darstellung wie die vorliegende Studie? Viel Neues hat der Verfasser nicht zu berichten, am interessantesten sind vielleicht die Ausführungen zur manchmal recht hemdsärmeligen und nach Gutsherrenart erfolgenden Vergabe der Gelder. Insofern bietet die Lektüre der mit eleganter Journalistenfeder geschriebenen Arbeit zumindest einige zusätzliche Facetten und Ergänzungen zu bereits hinlänglich bekannten Vorgängen. Es schadet jedoch zumindest nicht, wenn die wichtige Geschichte des Hilfswerks dem Publikum ein weiteres Mal nahegebracht wird. JOACHIM SCHOLTYSECK
Rainer Volk: Von der Missachtung zur Anerkennung des Widerstands. Die Geschichte des Hilfswerks 20. Juli 1944.
Lukas Verlag, Berlin 2025. 221 S.
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