
Besprechung vom 08.01.2026
Paladine, Vollstrecker und Werkzeuge
Von Hitler und seinem inneren Zirkel bis zu Trittbrettfahrern weit unten: Richard J. Evans porträtiert Akteure im NS-Staat
Als Joachim Fest vor mehr als sechzig Jahren sein Buch "Das Gesicht des Dritten Reiches" veröffentlichte, befand sich die NS-Täterforschung in Deutschland noch in einem frühen Stadium. In essayistischen Psychogrammen charakterisierte Fest zentrale Figuren des nationalsozialistischen Regimes, von Adolf Hitler bis Albert Speer, und machte damit einem breiten Lesepublikum die Geschichte der nationalsozialistischen Elite zugänglich. Erst zwei Jahre zuvor hatte in Jerusalem der Eichmann-Prozess stattgefunden und damit weltweit Diskussionen über die Täter des Regimes ausgelöst.
Noch heute lohnt sich die Lektüre von Fests Werk, auch wenn der Stand der historischen Forschung es in vielen Details überholt hat. Hier setzt Richard Evans' neuestes Buch über zentrale Akteure im NS-Staat an, in dem er sich bewusst und explizit an das klassische Werk Fests anlehnt. Dass ausgerechnet Evans, emeritierter Regius Professor an der Cambridge University und Autor zahlreicher wichtiger sozialgeschichtlicher Studien zur deutschen Geschichte, einen biographischen Zugang wählt, wird nicht wenige überraschen. Zu seinen besten Büchern gehören eine Geschichte der Cholera-Epidemie in Hamburg im neunzehnten Jahrhundert und mehrere eingängige Milieustudien zu gesellschaftlichen Außenseitern.
Gerade unter Sozialhistorikern war der biographische Ansatz lange verpönt. Der Grund lag auf der Hand: Im Nationalsozialismus hatte der Kult des "großen Mannes" einen katastrophalen Höhepunkt erlebt, außerdem galt der Fokus auf die Führungsgestalten als reduktiv und verklärend, lenkte er doch von der Rolle ab, die breitere Bevölkerungsschichten gespielt hatten. Führende Historiker des Nationalsozialismus wie Hans Mommsen betonten stattdessen die Rolle von strukturellen Faktoren, Institutionen und Prozessen. Im Extrem führte der sozialgeschichtliche Ansatz allerdings dazu, Geschichte ganz ohne handelnde Personen zu schreiben.
Seit Evans zwischen 2003 und 2008 seine vielbeachtete Trilogie zur Geschichte des NS-Staats veröffentlicht hat, hat sich die Aufmerksamkeit allerdings wieder stärker den Tätern zugewandt; Einzelne werden als Produkte ihrer Zeit, aber auch als handelnde Subjekte ernst genommen, deren Denken und Handeln konkrete Auswirkungen hatte, insbesondere in einer Diktatur, die ihrer Machtgier, ihren Ideen und Taten so gut wie keine Grenzen setzte. Im Rahmen dieser "Täterforschung" sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten gut recherchierte Biographien zu allen wichtigen NS-Führern erschienen, aber auch zahlreiche Studien über Personen auf den unteren Ebenen der Machthierarchie. Diese Fülle an neuen Biographien dürfte Evans die Arbeit sehr erleichtert haben. Evans hat auch ein offen formuliertes politisch-pädagogisches Anliegen: Angesichts demokratischer Krisen und des Wiedererstarkens autoritärer Regime in der Gegenwart will er zu einem besseren Verständnis beitragen, wie Diktaturen funktionieren.
Das Buch ist in vier Teile aufgeteilt. Der erste beschäftigt sich mit Hitler selbst, der Schlüsselfigur des Regimes. Wem Ian Kershaws zweibändige Biographie des Führers zu lang ist, findet hier eine kompetente Zusammenfassung, erweitert um Einsichten aus neueren biographischen Arbeiten über Hitler, wie jene von Volker Ullrich oder Peter Longerich. Evans weist die von Mommsen vertretene These von Hitler als "schwachem Diktator" zu Recht zurück, betont aber gleichzeitig, dass er ohne breite gesellschaftliche Unterstützung und Zusammenarbeit mit Schlüsselpersonen des Regimes nicht hätte tun können, was er tat.
Die wichtigsten Männer des inneren Zirkels - die "Paladine", wie Evans sie nennt - sind Gegenstand eines zweiten Teils: Hermann Göring, dessen Machtfülle im Laufe des Krieges abnahm, der aber zumindest offiziell bis 1945 als zweiter Mann im Regime galt; Joseph Goebbels, dessen Hingabe an seinen Führer mit seinem Selbstmord wenige Stunden nach Hitlers Tod endete; Heinrich Himmler, der zunehmend an Einfluss gewinnende Chef der SS, oder der Hitler-Vertraute und Architekt Albert Speer. Nicht alle wichtigen Figuren des inneren Zirkels finden in diesem Teil Erwähnung. Wilhelm Frick, der in Nürnberg hingerichtete Innenminister, der eine zentrale Rolle beim Aufbau des Terrorstaats spielte, fehlt, ebenso Martin Bormann, der mächtige Leiter der Partei-Kanzlei und Trauzeuge Hitlers kurz vor dessen Suizid.
Der dritte Teil erzählt die Lebensgeschichten von wichtigen Vollstreckern der NS-Ideologie wie Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, oder Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten, aber nicht annektierten Teil Polens. Auch Julius Streicher, der notorische Herausgeber des "Stürmers" und spätere Gauleiter von Franken, wird in diesem Abschnitt behandelt.
Anstelle eines Kapitels über "Intellektuelle", das Fest hauptsächlich literarischen Figuren widmete, thematisiert Evans im vierten Teil "Werkzeuge" des Regimes, darunter Akademiker wie Hitlers Begleitarzt Karl Brandt, Täterinnen der unteren Ebene wie die "KZ-Kommandeuse" Ilse Koch und die KZ-Aufseherin Irma Grese, aber auch "gewöhnliche" Trittbrettfahrer und Denunziantinnen, die in Fests Studie weder als Gruppe noch als Individuen vertreten waren.
Gerade bei der Analyse der unteren und weniger bekannten Akteure glänzt Evans als Historiker der gesellschaftlich Marginalisierten, die sich der NS-Bewegung anschlossen, um dadurch Macht und Ansehen zu erlangen. Evans betont nachdrücklich, dass die Deutschen durchaus die Wahl hatten, das Regime oder dessen Forderungen abzulehnen, und zitiert am Ende die Geschichte einer deutschen Frau aus Hamburg, die aus Protest nach Dänemark floh, als ihr jüdischer Arbeitgeber verhaftet wurde. Gleichzeitig erinnert er seine Leser daran, dass dieses Regime letztlich nicht nur eine "Konsensdiktatur" war, sondern - dies bereits eine These seiner Trilogie - auch zentral auf Terror und Angst beruhte.
Das Ergebnis ist kein biographisches Lexikon, sondern eine Sammlung miteinander verknüpfter biographischer Essays und Überlegungen zu Einzelpersonen. Die Auswahl ist teilweise deckungsgleich mit jener von Fest, in anderen Teilen weicht sie ab. Ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht, ist die mittlerweile unbestrittene These, dass Hitlers Gefolge nicht aus Verrückten oder Psychopathen bestand, sondern aus weitgehend "normalen" Menschen, deren Leben durch den Kontakt mit Hitler radikal verändert wurden.
Diese Einsicht ist an sich nicht revolutionär, Belege dafür hat die Täterforschung der letzten Jahrzehnte zuhauf geliefert. Wer aber nach einer flüssig geschriebenen und auf den neuesten Stand der Forschung gebrachten Neufassung von Fests "Gesicht des Dritten Reiches" sucht, ist mit Evans' Buch sicher gut beraten. ROBERT GERWARTH
Richard J. Evans: "Hitlers Komplizen". Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts.
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2025. 784 S., Abb., geb.
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