Amerikanische Farmerfamilie verliert während der Großen Depression in den 1930er Jahren ihre Ernten an die Staubstürme und ihren Besitz an die Banken. Als Wanderarbeiter machen sie sich auf in das glorreiche Kalifornien, um als Landstreicher und "Okies" beschimpft zu werden und für einen Hungerlohn zu arbeiten.Auf den ersten Blick unterscheidet die bekannte Geschichte der Familie Joad ("Früchte des Zorns" von John Steinbeck) wenig von derjenigen der Familie Dunne in "Namen unbekannt" von Sanora Babb. Das behandelte Thema ließ seinerzeit nur Platz für einen Roman, Steinbeck war schlicht schneller.Erst als die Autorin bereits 97 Jahre alt war, wurde ihr Roman 2004 veröffentlicht, den sie bereits 1939 begonnen hatte. Ein Publikationsvertrag, den sie aufgrund erster eingereichter Kapitel erhalten hatte, wurde damals "zurückgenommen".Babbs exemplarische Geschichte einer Farmerfamilie konzentriert sich auf weniger Personen und verharrt inhaltlich länger auf dem Land der Familie in der Dust Bowl, bis diese sich entschließt, gen Westen zu ziehen. So erfahren wir mehr über den Zusammenhalt der Farmer untereinander und fühlen uns stärker mit ihnen und ihrem Land verwurzelt. Die Szenen, wie der feine Staub durch die kleinsten Ritzen dringt und alles zudeckt, sind unheimlich eindringlich beschrieben; da wird der Mund richtig trocken. Die mühsamen Arbeiten der Mutter Julia, die immer wieder von vorne beginnt, die Wäsche zu waschen und den Staub rauszutragen, gehen ans Herz. Auch die Schilderung der prekären Wohnverhältnisse im "Dogout", eines halb in die Erde eingelassenen Einzimmerverschlags, ist herzergreifend. Die Dunnes habe nicht viel, nicht einmal für eine richtige Hütte reicht es und immer hoffen sie auf die nächste Weizenernte, die dann vom Staub vernichtet wird. Die Trennung und der Aufbruch fallen schwer, sie bleiben bis zum bitteren Ende und nicht alle gehen den Weg in den Westen mit. Wo Steinbeck viele, viele Seiten mit Monologen und Dialogen über philosophische/religiöse Betrachtungen (Figur des Wanderpredigers Jim Casy) füllt, strafft Babb. Die Dunnes brechen auf und nach wenigen Szenen sind sie bereits in Kalifornien angekommen.Insgesamt erzählt Babb straffer und die Figuren waren für mich klarer, weil sie nicht so viel philosophiert haben. Der Autorin gelingt es, auf über 200 Seiten weniger ebenso Atmosphäre aufzubauen wie Steinbeck, sei es im "Dogout" in Oklahoma oder in der Pflückerhütte in Kalifornien. Beide klagen die unmenschlichen Verhältnisse an, unter denen Wanderarbeiter leben und arbeiten mussten.Ich kann nicht sagen, ob Babbs Roman als Konkurrenzprodukt damals ein Erfolg gewesen wäre; es gibt sehr ähnliche Darstellungen, die Geburtsszene sticht hier besonders hervor. An Babbs Text gefallen mir die straffere Erzählweise, die häuslichen und nachbarschaftlichen Szenen besser. Er erscheint mir auch moderner, was allerdings an der jungen Übersetzung liegen kann. Von Steinbeck habe ich eine Jahrzehnte alte deutsche Ausgabe gelesen. Steinbecks Roman hat durch die Figurenvielfalt den Vorteil, die Träume, Wünsche und Sehnsüchte zu streuen, noch mehr Schicksale aufzuzeigen. Wer den typischen (positiv gemeint) "großen" amerikanischen Roman lesen will, ist hier hervorragend bedient.Für mich haben sich die beiden Romane wunderbar ergänzt. Wer nur einen Roman lesen möchte, kann sich zwischen einem kürzeren, anrührenden, aus heutiger Sicht zeitgemäßer geschriebenem Text mit weniger Figuren oder einem umfassenden Epos mit zahlreichen Figuren, vielen wunderbaren Einzelszenen und ausführlichen grüblerischen Abschnitten, entscheiden. Grundsätzlich steht Babbs Roman dem von Steinbeck inhaltlich und künstlerisch in nichts nach. Interessant zu lesen ist das ausführliche Nachwort von Mareike Fallwickl, das über die Autorin berichtet und den Text einordnet. "Namen unbekannt" in die Reclam-Klassikerinnen-Reihe aufzunehmen, haben Babb und ihr Roman mehr als verdient.