
Besprechung vom 14.08.2025
Abgründige Geistesverwandtschaft
Nicolas Mahler illustriert Susanne Kuhns Reise mit ihrem Bruder Thomas Bernhard
Es gibt Bücher, deren Entstehungsgeschichte mindestens so interessant ist wie ihr Inhalt. Das gilt auch für den vorliegenden Fall, aber nicht etwa deshalb, weil es dessen Thema an Reiz gebräche - ganz im Gegenteil. Was hier erzählt wird, ist aufschlussreich, neu, witzig, prominent besetzt und abgründig.
Darum zunächst: Worum geht es? Um Thomas Bernhard, der zweieinhalb Monate vor seinem Tod im Februar 1989 auf Urlaubsreise ging, in eine Betonbettenburg im Massenferienort Torremolinos an der andalusischen Costa del Sol. Das klingt schon wie ein Buch von Bernhard selbst, zumal wenn man liest, wie gesundheitlich angeschlagen der damals siebenundfünfzigjährige österreichische Schriftsteller war. Außerdem lag gerade erst die skandalüberschattete Premiere des Stücks "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater hinter ihm, und mit seinem Hausverlag Suhrkamp herrschte Streit, weil er das bis dato noch unveröffentlichte Frühwerk "In der Höhe" an die Konkurrenz des Residenz Verlags gegeben hatte. Wie sehr Bernhard im Urlaub auf ein klärendes Gespräch lauerte, wird im Buch deutlich.
Weil es ihm so schlecht ging, pflegte Bernhard stets in Begleitung zu reisen, gewöhnlich in der seines Halbbruders Peter Fabjan, praktischerweise Mediziner. Da der aber seine Praxis nicht für sechs Wochen schließen konnte, trat für die erste Halbzeit ein weiteres Geschwister des Schriftstellers mit diesem die Reise an: Bernhards um neun Jahre jüngere Halbschwester Susanne Kuhn, damals schon frühpensioniert.
Die heute Fünfundachtzigjährige ist so etwas wie der blinde Fleck der Bernhard-Forschung, vor allem deshalb, weil sie sich bislang der Öffentlichkeit recht konsequent verweigert hat. An Selbstauskünften über das Verhältnis zum berühmten Bruder gab es bislang nur eine kurze Reminiszenz aus dem Jahr 2017. Allerdings war der Bernhard-Biograph und -Herausgeber Manfred Mittermayer schon länger mit ihr im Kontakt (auch weil Kuhn sich um die vom Bruder hinterlassene Korrespondenz kümmerte). Aber die familiären Erlebnisse waren bislang unveröffentlicht.
Nun ist die autobiographische Publizistik des Bernhard-Umfelds ein Kapitel für sich. Im Jahr 2000 erschienen die 28 Jahre lang zurückgehaltenen minutiösen Aufzeichnungen von Karl Ignaz Hennetmair über die Schlussphase seiner Freundschaft mit Thomas Bernhard: eines der intensivsten Schriftstellerporträts überhaupt und bis heute der beste Schlüssel zur bernhardschen Persönlichkeit. Peter Fabjan legte dann 2021 mit seinen Erinnerungen - er selbst nennt sie "Rapport" - über "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" nach, die ihn zum zweiten "Lebensmenschen" seines Bruders stilisierten, nachdem Bernhards große Vertraute, Hedwig Stavianicek, 1984 gestorben war. Die Korrespondenz von ihr und Bernhard ist wiederum noch unter Verschluss, dürfte aber das endgültige Schlüsselwerk sein, vor allem auch, weil darin die Ansichten einer Frau zum Tragen kommen, die von Bernhard rückhaltlos respektiert wurde. Was manche Klischees über ihn relativiert, die von Männern kolportiert wurden.
Susanne Kuhn - und damit sind wir bei der Entstehungsgeschichte ihres Buchs - ist nun die erste Frau seines Umfelds, die über Thomas Bernhard erzählt, und man kann ihr Buch als Gegenentwurf zu manchem verstehen, was ihr anderer Bruder Peter Fabjan in seinem geschrieben hat - nicht zuletzt betreffs Susanne Kuhns selbst. Aber auch betreffs Fabjans Bildes von Bernhard, dem die Schwester jetzt Erinnerungen entgegensetzt, die eher harmonische Akzente setzen; etwa wenn sie und Bernhard im Hotel Barracuda von Torremolinos zusammen den Ohrwurm "In the Summertime" von Mungo Jerry anstimmen oder der Schriftsteller plötzlich Gemeinsamkeiten mit der Schwester erkennt, weil diese auf der Straße beim Anblick von vorbeifahrenden ordensdekorierten Männern an "Junta" und "Folter" denken muss. Geistesverwandtschaft im Abgründigen ergänzt die familiäre, und darauf ist Susanne Kuhn besonders stolz.
Deshalb wird diese Episode auch noch einmal wiederholt, wenn in der zweiten Hälfte des Buchs ein umfangreiches Gespräch von Kuhn mit Manfred Mittermayer folgt. Anders wäre das Buch zu dünn geworden, denn von den fünfzig Seiten Erinnerungen an den Aufenthalt in Torremolinos entfällt rund die Hälfte auf grandiose lllustrationen von Nicolas Mahler, dessen gezeichnete Bernhard-Bilder sich mittlerweile anschicken, den Fotoporträts den Rang abzulaufen. Bei Suhrkamp sind bislang drei von ihm illustrierte Bernhard-Bücher erschienen; dass dieses jetzt beim kleinen Korrektur Verlag herauskommt, liegt wohl daran, dass auch Fabjans Erinnerungen bei Suhrkamp im Programm sind. Und der für das Torremolinos-Werk prädestinierte Residenz Verlag lehnte ab - mit Lukas Kummers Comic-Adaption von Bernhards fünfteiliger Autobiographie und einem Bernhard-Salzburg-Buch von Mahler selbst hat man wohl genug Gezeichnetes zum Autor im Programm. Gut für Korrektur, die so ein Juwel bekommen haben, das den Geistreichtum von und um Bernhard noch einmal vermehrt.
Allerdings brauchte die Konzeption des Buchs seine Zeit, wie man Mittermayers Nachwort entnehmen kann. Es war sogar im Gespräch, dass alles zum Comic werden könnte (wie man Mahler kennt, wird es diese Version wohl auch schon gegeben haben), doch dann wäre Kuhn nicht mehr Verfasserin gewesen. So ist aus der Not einer mühsamen Verständigung über die Form ein facettenreiches Erinnerungsbuch geworden - formal und inhaltlich beispiellos. ANDREAS PLATTHAUS
Susanne Kuhn: "Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos".
Mit Zeichnungen von
Nicolas Mahler und einem Gespräch mit Manfred
Mittermayer. Korrektur Verlag, Wien 2025.
144 S., Abb., geb.
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